Title: Wunderschön

Author:ANDERSEN HANS CHRISTIAN
Subject:FICTION
Source:
Download book:
Words Statistics:words statistics
 

Number of words for page:
Hans Christian Andersen

Wunderschön


****************


Der Bildhauer Alfred - du kennst ihn doch! Wir alle kennen ihn, er gewann die große goldene Medaille, bekam ein Reisestipendium ging nach Italien und kehrte wieder zurück in die Heimat; damals war er jung, das ist er zwar noch, aber doch immerhin zehn Jahre älter als zu jener Zeit.
Nach seiner Heimkehr besuche er eine von den kleinen Provinzstädten der Insel Seeland. Das ganze Städtchen wußte, wer der Fremde war; seinetwegen gab eine der reichsten Familien eine Gesellschaft, und dazu war alles, was etwas war oder etwas besaß, eingeladen; das war ein Ereignis, die Stadt wußte darum, ohne daß es ausgetrommelt worden war. Handwerkslehrlinge und Kinder kleiner Leute, ja, ein paar der kleinen Leute selber standen vor dem Hause und schauten zu den herabgelassenen beleuchtete Vorhängen hinauf; der Nachtwächter konnte sich einbilden, er selber gebe eine Gesellschaft, so viele Leute befanden sich auf der Straße, das schien ein wahres Vergnügen zu sein, und drinnen war auch das Vergnügen. Herr Aflred, der Bildhauer, war da. Er sprach, erzählte, und alle hörten ihm mit Freuden, ja mit einer Art Ehrfurcht zu, doch keiner in dem Maße wie die ältere Witwe eines Beamten; sie war allem gegenüber, was Herr Alfred sprach, ein unbeschriebenes Stückchen Löschpapier, das sofort das Gesprochene in sich einsog und nach mehr verlangte, sie war höchst empfänglich, unglaublich unwissend, ein weiblicher Kaspar Hauser.
"Rom möchte ich wohl sehen!" sagte sie, "das muß eine liebliche Stadt sein mit all den Fremden, die dort ankommen, beschreibe Sie uns doch Rom. Wie sieht die Stadt denn aus, wenn man zum Tor hineinkommt?"
"Ja, das ist nicht leicht zu beschreiben", sagte der junge Bildhauer. "Ein großer Platz, mitten auf dem Platz ein Obelisk, welcher tausend Jahre alt ist!"
"Ein Organist" rief die Frau, sie hatte das Wort Obelisk noch nie gehört; einige konnten sich des Lachens nicht erwehren, auch der Bildhauer nicht, allein das Lächeln, welches schon um seine Lippen spielte, glitt vorüber, verlor sich in Betrachtung, denn er gewahrte dicht neben der Frau ein paar große meerblaue Augen, diese gehörten der Tochter, von der sie gesprochen hatte, und wenn man eine solche Tochter hat, kann man nicht einfältig sein! Die Mutter war eine immer sprudelnde Fragenquelle, die Tochter die schöne Najade der Quelle, die immer nur zuhört. Wie war sie wunderschön! Sie war ein Gegenstand der Betrachtung für den Bildhauer, nicht aber der Sprache, und sie sprach auch nicht, wenigstens sehr wenig.
"Hat der Papst eine große Familie?" fragte die Frau. Und der junge Mann antwortete, als sei die Frage besser gestellt gewesen: "Nein, er ist nicht aus einer großen Familie." "Das meine ich nicht", wandte die Frau ein; "ich meine, ob er Frau und Kinder hat?" "Der Papst darf sich nicht vermählen", antwortete er. "Das gefällt mir nicht!" sagte die Frau. Sie hätte nun zwar klügere Fragen stellen können, aber wenn sie nicht gefragt und gesprochen hätte, wie sie es eben tat, ob dann wohl die Tochter sich so an ihre Schulter gelehnt und mit diesem fast rührenden Lächeln um sich geblickt hätte?
Und Herr Alfred sprach, sprach von der Farbenpracht Italiens, von den bläulichen Bergen, dem blauen Mittelmeer, dem blauen Himmel des Südens, einer Herrlichkeit und Schönheit, die man im hohen Norden nur von den blauen Augen der nordischen Jungfrau übertroffen finde. Und das war hier als Anspielung gemeint, aber die, welche diese Anspielung hätte verstehen sollten, tat, als habe sie sie nicht verstanden. und das war den wiederum wunderschön! "Italien!" seufzten einige, "Reisen!" seufzten andere. "Wunderschön! Wunderschön!"
Ja. wenn ich hunderttausend Taler in der Lotterie gewinne", sagte die Obersteuereinnehmerin, "dann reisen wir: Ich und meine Tochter, und Sie, Herr Alfred, Sie werden uns führen! Wir reisen alle drei und noch ein paar gute Freunde mit uns!" Und dabei nickte sie allen vergnüglich zu, ein jeder konnte sich einbilden: ich bin es, den sie mitnehmen will nach Italien. "Ja, nach Italien wollen wir! Aber wir wollen nicht dahin, wo Räuber sind, wir bleiben in Rom und auf den großen Landstraßen, wo man sicher ist."
Und die Tochter seufzte ganz unmerklich; wie viel kann nicht in einem kleinen Seufzer liegen oder in ihm hineingelegt werden! Der junge Mann legte viel hinein; die zwei blauen Augen, an diesem Abend ihm zu Ehren so hell, verbargen Schätze, Schätze des Geistes und des Herzens, reich wie alle Herrlichkeiten Roms, und als er die Gesellschaft verließ - ja, da war er ganz weg - weg in das Fräulein.
Das Haus der Frau Obersteuereinnehmerin wurde von allen Häusern dasjenige, welches Herr Alfred, der Bildhauer, am häufigsten besuchte; man sah ein, daß sein Besuch nicht der Mutter gelten konnte, auch wenn er und sie stets diejenigen waren, die das Wort führten, es konnte nur der Tochter wegen sein.
Man nannte sie Kala, sie hieß Karen Malena, diese zwei Namen waren in den einen Namen Kala zusammengezogen worden; wunderschön sei sie, aber ein wenig träge, sagten einige; sie schlafe gewiß morgens etwas lange.
"Daran ist sie von Kindheit an gewöhnt", sagte die Mutter, "sie ist immer ein Venuskind gewesen, und die werden leicht müde. Sie liegt etwas lange, aber davon hat sie ihre klaren Augen!"
Welche Macht lag in diesen klaren Augen, diesen tiefblauen Fluten! Diesen stillen Gewässern mit dem tiefen Grund! So empfand es der junge Mann, er saß fest auf dem tiefen Grund. Er sprach und erzählte, und Mama frage stets gleich lebhaft, gleich ungeniert und flott, wie bei der ersten Begegnung. Es war eine Freude, Herrn Alfred erzählen zu hören; er erzählte von Neapel, von den Wanderungen auf den Vesuv und zeigte dabei bunte Bilder von mehreren Eruptionen.
Und die Frau Obersteuereinnehmerin hatte früher nie davon gehört oder Zeit gehabt, sich die Sache zu überlegen.
"Gott bewahre!" rief sie, "Das ist ja ein feuerspeiender Berg! Kann denn niemand dabei zu Schaden kommen?" "Ganze Städte sind zugrunde gegangen", antwortete er, "Pompeji, Herculaneum!" "Aber die unglücklichen Menschen! Und das alles haben Sie selber gesehen?" "Nein, von den Ausbrüchen, die hier auf den Bildern vorliegen, sah ich keinen; aber ich werde ihnen ein Bild von mir selber zeigen, die Eruption darstellend, die ich gesehen habe."
Er legte eine Bleistiftskizze auf den Tisch, und Mama, die in den Anblick der stark kolorierten Bilder vertieft war, sah die blasse Beistiftskizze an und rief voller Überraschung: "Sie haben ihn weiß speien sehen!?" Es wurde einen Augenblick schwarz in der Hochachtung des Herrn Alfred vor Mama, aber bald begriff er im Lichte Kalas, daß ihre Mutter keinen Farbensinn hatte, weiter war es nichts, sie hatte aber das Beste, das Schönste, sie hatte Kala.
Und Alfred verlobte sich mit Kala, das war ganz natürlich; und die Verlobung stand im Tageblatt des Städtchens. Mama ließ sich dreißig Exemplare davon holen und schnitt die Annoncen heraus und übersandte sie Freunden und Bekannten. Und die Verlobten waren glücklich und die Schwiegermama auch, sie war ja jetzt sozusagen mit Thorwaldsen verwandt.
"Sind Sie doch eine Fortsetzung von Thorwaldsen!" sagte sie zu Alfred. Und es schien Alfred, als habe die Mama hier etwas Geistreiches gesagt. Kala sagte gar nichts, aber ihre Augen leuchteten, ihre Lippen lächelten, jede ihrer Bewegungen war schön, und wunderschön war sie, das kann nicht oft genug gesagt werden.
Alfred machte eine Büste von Kala und seiner Schwiegermama; sie saßen ihm und sahen zu, wie er mit dem Finger den weichen Ton glättete und gestaltete. "Das ist nur unsertwegen", sagte die Schwiegermama, "daß Sie selber diese gewöhnliche Arbeit tun und nicht Ihren Diener das Zusammenkleben überlassen."
"Es ist gerade notwendig, daß ich den Ton forme", antwortete er. "Ja, Sie sind nun einmal stets so artig!" sagte Mama, und Kala drückte schweigend seine Hand, an welcher noch der Ton saß.
Und er entwickelte beiden die Herrlichkeit der Natur in der Schöpfung, wies darauf hin, wie das Lebendige über dem Toten, die Pflanze über dem Mineral, das Tier über der Pflanze, der Mensch über dem Tier stehe; setzt ihnen auseinander, wie Geist und Schönheit sich durch die Form offenbarten und wie der Bildhauer der irdischen Gestalt des Herrlichsten ihre Erscheinung gebe. Kala stand schweigend und nickte dem ausgesprochenen Gedanken zu, Schwiegermama gestand: "Es ist schwer, dem zu folgen! Aber ich komme langsam nach mit den Gedanken, sie drehen sich dabei um und um, aber ich halte sie fest!"
Und die Schönheit hielt Alfred fest, sie erfüllte ihn, faßte und beherrschte ihn. Schönheit leuchtete aus der ganzen Gestalt Kalas, aus ihrem Blick, aus ihren Mundwinkeln, selbst aus der Bewegung ihrer Finger. Alfred sprach dies aus, und er verstand etwas davon, er sprach nur von ihr, dachte nur an sie, die zwei wurden eins, und so sprach auch sie viel, denn er sprach sehr viel.
Das war die Verlobung, und nun kam die Hochzeit mit Brautjungfern und Hochzeitsgeschenken, und diese wurden in der Hochzeitsrede erwähnt.
Schwiegermama hatte im Brauthause am Ende der Tafel Thorwaldsens Büste, angetan mit einem Schlafrock, aufgestellt, er sollte Gast ein, das war ihre Idee; Lieder wurden gesungen und Hochrufe wurden ausgebracht, es war eine vergnügliche Hochzeit, ein schönes Paar: "Pygmalion bekam seine Galathea", hieß es in einem der Lieder. "Das ist so eine Mythologik!" ...
Page: 1
 

Others Books from the author..

Help

  • Select one or more words and get availables translations in Logos Dictionary.
  • Set the number of words for each page and refresh the content.
  • Go to the beginning of the document
  • Go to previous page
  • Go to next page
  • Go to the end of document
  • Libri.it

    Libri.it NELL'ACQUA – Nuova edizioneEDMONDO E LA CACCA MISTERIOSALA FAMIGLIA VOLPITASSI 2 – CHE CONFUSIONE!SENZALIMITI
  • Illustrati

    Sfoglia riviste di Illustrati
  • Evelio R. Mora