Title: Eine Geschichte

Author:ANDERSEN HANS CHRISTIAN
Subject:FICTION
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Hans Christian Andersen

Eine Geschichte


****************


Im Garten standen alle Apfelbäume in Blüte; sie hatten sich beeilt, um Blüten zu
bekommen, ehe die grünen Blätter kamen. Im Hofe waren alle Enten draußen und die
Katze auch. Sie schleckte wohl wirklich den Sonnenschein! Sie schleckte ihn von
ihrer eigenen Pfote. Und sah man übers Feld hin, da stand das Korn so herrlich
und grün, und es war ein Zwitschern und Quinquilieren bei all den kleinen
Vögeln, als ob ein großes Fest sei; und das konnte man wohl auch sagen, denn es
war Sonntag. Die Glocken läuteten, und die Leute gingen in ihren schönsten
Kleidern zur Kirche und alle sahen fröhlich aus. Ja, an jedem Ding war auch
etwas Erfreuliches und es war ein Tag, so warm und hell, daß man wohl sagen
konnte: "Der liebe Gott ist wahrhaftig grenzenlos gut gegen uns Menschen."
Aber in der Kirche drinnen stand der Pfarrer auf der Kanzel und sprach so laut
und böse. Er sagte, daß die Menschen so gottlos seien und daß Gott sie dafür
strafen würde, und wenn sie gestorben seien, kämen die Bösen hinab in die Hölle,
wo sie ewig brennen müßten. Und er sagte, daß der nagende Wurm in ihnen nie
sterben würde, nie würden die Feuer dort unten gelöscht werden und niemals
fänden sie Rast oder Ruh. Das war gar gräßlich anzuhören und er war seiner Sache
so gewiß. Er beschrieb ihnen die Hölle wie eine stinkende Höhle, in der der
Schmutz der ganzen Welt zusammenflöße, da wehte kein Lüftlein, nur die heiße
Schwefelflamme, da wäre kein Boden, sie sänken und sänken, tief in ein ewiges
Schweigen. Allein schon das Hören war schauerlich, aber dem Pfarrer kam alles
dies überzeugend aus tiefstem Herzensgrund, und alle Leute in der Kirche
entsetzten sich. Aber draußen sangen all die kleinen Vögel so fröhlich, und die
Sonne schien so warm, es war, als ob jede kleine Blume sagen wollte: Gott ist so
unendlich gut gegen uns aller - ja, draußen war es gar nicht so, wie es der
Pfarrer gepredigt hatte.
Am Abend zur Schlafenszeit sah der Pfarrer seine Frau still und gedankenvoll
dasitzen.
"Was fehlt Dir?" fragte er sie.
"Ja, was fehlt mir eigentlich," sagte sie, "mir fehlt, daß ich nicht recht meine
Gedanken sammeln kann, daß es mir nicht recht stimmen will, was Du sagst, daß es
soviele Gottlose gäbe, die ewig brennen müßten, ewig - ach, wie lange. Ich bin
nur ein sündiger Mensch, aber ich könnte es nicht über mein Herz bringen, selbst
den schlimmsten Sünder ewig brennen zu lassen; wie wollte es da der liebe Gott
können, er, der so unendlich gut ist, er, der weiß, wie das Böse von außen und
innen an uns herantritt. Nein, ich kann es mir nicht denken, obwohl Du es
sagst."
Es war Herbst. Das Laub fiel von den Bäumen; der ernste, strenge Pfarrer saß am
Bette einer Sterbenden. Eine fromme Gläubige schloß ihre Augen; es war die
Pfarrerin.
"Findet jemand Frieden im Grabe und Gnade bei Gott, so bist Du es!" sagte der
Pfarrer, und er faltete ihre Hände und sprach ein Gebet über die Tote.
Sie wurde zu Grabe getragen; zwei schwere Tränen rollten über die Wangen des
ernsten Mannes nieder. Im Pfarrhofe war es stille und leer; der Sonnenschein
darin war erloschen, sie war ja fortgegangen.
Es war Nacht. Ein kalter Wind blies über das Haupt des Pfarrers; er schlug die
Augen auf und es war, als ob der Mond in seine Stube hereinscheine, aber der
Mond schien nicht. Eine Gestalt war es, die vor seinem Bette stand; er sah den
Geist seiner gestorbenen Frau. Sie blickte ihn so tief betrübt an, es war, als
wolle sie etwas sagen.
Und der Mann richtete sich halb empor und streckte die Arme nach ihr aus. "Auch
Dir ist nicht die ewige Ruhe vergönnt? Du leidest? Du, die Beste, die
Frömmeste?"
Und die Tote neigte ihr Haupt zu einem ja und legte die Hand auf die Brust.
"Kann ich Dir die Ruhe im Grabe geben?"
"Ja" tönte es.
"Und wie?"
"Gib mir ein Haar, nur ein einziges Haar vom Haupte eines Sünders, für den das
Feuer nie erlöschen soll, des Sünders, den Gott in die Hölle zu ewiger Pein
hinabstoßen will."
"Ja, so leicht konntest nur Du erlöst werden, Du Reine, Du Fromme" sagte er.
"So folge mir!" sagte die Tote. "So ist es uns vergönnt. An meiner Seite
schwebst Du, wohin Deine Gedanken es wollen. Unsichibar für die Menschen stehen
wir vor den heimlichsten Kammern ihres Herzens, aber mit sicherer Hand mußt Du
auf den zu ewiger Qual Verdammten zeigen, und vor dem Hahnenschrei muß er
gefunden sein."
Und hurtig, mit Gedankenschnelle, waren sie in der grollen Stadt. Von den Wänden
der Häuser leuchteten mit feurigen Buchstaben die Namen der Todsünden: Hochmut,
Geiz, Trunksucht, Wollust, kurz, der ganze siebenfarbige Bogen der Sünde.
"Ja, dort drinnen, wie ich es glaube, wie ich es wußte," sagte der Pfarrer,
"hausen die dem ewigen Feuer Geweihten." Und sie standen vor einem prächtig
erleuchteten Portal, wo breite Treppen mit Teppichen und Blumen geschmückt waren
und durch die festlichen Säle Ballmusik erklang. Der Schweizer stand davor in
Sammet und Seide mit einem großen silberbeschlagenen Stock.
"Unser Ball kann sich mit dem des Königs wohl messen!" sagte er und wandte sich
dem Straßendpöbel zu; von Kopf zu Fuß leuchtete ein Gedanke aus ihm: "Elendes
Pack, das hier zur Pforte hereingafft! Gegen mich seid Ihr alle Kanaillen."
"Hochmut" sagte die Tote, "siehst Du ihn?"
"Ihn," wiederholte der Pfarrer, "ja aber er ist ein Tropf, ein Narr nur, er wird
nicht zu ewigem Feuer und ewiger Pein verdammt werden."
"Ein Narr nur" erklang es durch das ganze Haus des Hochmuts, das waren sie alle
darin.
Und sie flogen in die nackten vier Wände des Geizigen hinein, wo dürr und
klappernd vor Kälte, hungrig und durstig, sich ein Greis mit allen seinen
Gedanken an sein Gold klammerte. Sie sahen, wie er im Fieber von dem elenden
Lager sprang und einen losen Stein aus der Mauer nahm. Da lagen Goldstücke in
einem Strumpfe. Er tastete sein lumpiges Hemd ab, in das Goldstücke genäht
waren, und die feuchten Finger zitterten.
"Er ist krank. Das ist Wahnwitz, ein freudloser Wahnwitz, umringt von Angst und
bösen Träumen."
Und sie entfernten sich hastig und standen vor der Pritsche der Verbrecher, auf
der sie in langer Reihe, Seite an Seite, schliefen. Wie ein wildes Tier fuhr
einer aus dem Schlafe empor, einen häßlichen Schrei ausstoßend; er schlug mit
seinen spitzen Ellenbogen nach seinem Kameraden; der wandte sich schläfrig um:
"Halts Maul, Du Vieh, und schlaf - das ist jede Nacht -!"
"Jede Nacht" wiederholte der andere, "`ja jede Nacht kommt er und heult und
würgt mich. In der Hitze habe ich manches getan, der zähe Zorn ist mir
angeboren, der hat mich nun das zweite Mal hier herein gebracht. Aber habe ich
schlecht getan, so habe ich nun meine Strafe. Nur eins habe ich nicht bekannt.
Als ich das letzte Mal hier heraus kam und am Hofe meines letzten Herrn
vorbeikam, kochte es in mir empor - ich strich ein Schwefelholz an der Mauer an,
dort wo das Strohdach anstößt. Alles brannte; die Hitze fiel darüber her, wie
sie über mich herfällt. Ich half das Vieh und die Bewohner retten. Nichts
Lebendes verbrannte außer einer Schar Tauben, die ins Feuer hineinflogen, und
dann der Kettenhund. An den hatte ich nicht gedacht. Man konnte ihn heulen hören
- und dies Heulen höre ich noch immer wenn ich schlafen will. Und kommt endlich
der Schlaf, dann kommt auch der Hund, groß und zottig. Er legt sich über mich,
heult, und drückt und erwürgt mich. So hör doch, was ich erzähle! Schnarchen
kannst Du, schnarchen die ganze Nacht, und ich nicht eine kurze Viertelstunde."
Und das Blut stieg dem Hitzigen zu Kopfe, er warf sich über den Kameraden und
schlug ihn mit der geballten Faust ins Gesicht.
"Der wütende Mads ist wieder verrückt geworden." rief es ringsumher, und die
anderen Verbrecher faßten ihn, rangen mit ihm und bogen ihn krumm, daß der Kopf
zwischen den Beinen saß. Dort banden sie ihn fest. Das Blut sprang ihm fast aus
den Augen und allen Poren.
"Ihr tötet ihn" rief der Pfarrer, "den Unglücklichen." Und indem er abwehrend
die Hand über den Sünder hinstreckte, der schon hier zu hart leiden mußte, es
wechselte die Szene. Sie flogen durch reiche Säle und durch ärmliche Stuben;
Wollust, Mißgunst, alle Todsünden schritten an ihnen vorbei. Ein Engel des
Gerichts verlas ihre Sünden und ihre Verantwortung. Die war zwar gering vor
Gott, aber Gott liest in den Herzen, er kennt alles, das Böse das von außen und
das, was von innen kommt, er, der Gnädige und Alliebende.
Des Pfarrers Hand zitterte, er wagte sie nicht auszustrecken, nicht ein Haar von
des Sünders Haupt zu reißen. Und die Tränen strömten aus seinen Augen wie Wasser
der Gnade und Liebe, die der Hölle ewiges Feuer löschen.
Da krähte der Hahn.
"Erbarmender Gott. Gib ihr die Ruhe im Grabe, die ich ihr nicht einzulösen
vermochte."
"Die habe ich nun," sagte die Tote, "es war Dein hartes Wort, ...
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