Hans Christian Andersen
Die Irrlichter sind in der Stadt, sagte die Moorfrau
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Es war einmal ein Mann, der einst so viele neue Märchen wußte, aber nun seien sie ihm ausgegangen, sagte er; das Märchen, das von selber Besuch machte, kam nicht mehr und klopfte an seine Türe; und weshalb kam es nicht? Ja, das ist freilich war, der Mann hatte in Jahr und Tag nicht daran gedacht, nicht erwartet, daß es kommen sollte, um anzuklopfen, aber es war gewiß auch nicht hier gewesen, denn draußen war Krieg und drinnen Kummer und Not, wie der Krieg sie mitbringt.
Storch und Schwalbe kamen von ihrer langen Reise, sie dachten an keine Gefahr, und als sie kamen waren das Nest verbrannt, die Häuser der Menschen verbrannt, die Hecken zerstört, ja ganz verschwunden; die Rosse der Feinde stampften auf den alten Gräbern, Es waren harte, dunkle Zeiten; aber auch die nehmen ein Ende.
Und nun hatten sie ein Ende, sagte man, doch noch klopfte das Märchen nicht an oder ließ von sich hören.
"Es ist wohl tot und verschollen mit den vielen andern", sagte der Mann. Aber das Märchen stirbt nie!
Und es verging mehr als ein ganzes Jahr, und er sehnte sich so schrecklich. "Ob das Märchen nicht doch wiederkommen und anklopfen würde!" Und er erinnerte sich seiner so lebhaft in all den vielen Gestalten, in denen es zu ihm gekommen war; bald jung und herrlich, der Frühling selber, ein reizendes kleines Mädchen mit einem Maiglöckchenkranz im Haar und einem Buchenzweig in der Hand; ihre Augen glänzten wie tiefe Waldseen im klaren Sonnenschein, bald war es auch als Hausierer gekommen, hatte den Kramkasten geöffnet und das Seidenband mit Vers und Inschrift voll alter Erinnerungen flattern lassen; aber am allerschönsten war es doch, wenn es als altes Mütterchen mit silberweißem Haar und mit so großen und so klugen Augen kam, da wußte sie recht zu erzählen von den allerältesten Zeiten, lange noch, bevor die Prinzessinnen Gold spannen, während Drachen und Lindwürmer draußen lagen und sie bewachten. Da erzählte sie so lebendig, daß jedem schwarze Flecken vor die Augen kamen, der darauf hörte, der Boden wurde schwarz von Menschenblut, graulich anzusehen und zu hören und doch so vergnüglich, denn es war so lange her, daß es geschehen war.
"Ob sie nicht mehr anklopfen würde!" sagte der Mann und starrte nach der Tür, so daß ihm schwarze Flecken vor die Augen kramen, schwarze Flecken auf den Boden; er wußte nicht, ob es Blut war oder Trauerschleier aus den schweren, dunklen Tagen.
Und wie er saß, kam ihm in den Sinn, ob nicht das Märchen sich verborgen halte wie die Prinzessin in den richtigen, alten Märchen und nur aufgesucht werden wollte; wurde sie gefunden, dann strahle sie in neuer Herrlichkeit, schöner als je zuvor.
"Wer weiß, vielleicht liegt sie verborgen in dem weggeworfenen Strohhalm, der am Brunnenrand schaukelt. Vorsichtig! Vorsichtig! Vielleicht hat sie sich in eine verwelkte Blume versteckt, die in einem der großen Bücher auf dem Bücherbord liegt."
Und der Mann ging hin, öffnete eines der allerneuesten, aus denen man Verstand bekommen soll; aber das lag keine Blume, da stand von Holger Danske zu lesen; und der Mann las, daß die ganze Geschichte erfunden und zusammengesetzt sei von einem Mönch in Frankreich, daß es ein Roman sei, der "übersetzt und gedruckt in der dänischen Sprache" worden war; daß Holger Danske gar nicht existierte und also gar nicht wiederkommen könne, wie wir davon gesungen und so gerne daran geglaubt hatten. Es war mit Holger Danske wie mit Wilhelm Tell, nur Gerede, auf das man sich nicht verlassen konnte, und das war in dem Buch mit großer Gelehrsamkeit dargelegt.
"Ja, ich glaube nun, was ich glaube, sagte der Mann, "es wächst kein Wegerich, wo noch kein Fuß hintrat."
Und er machte das Buch zu, stellte es auf das Bord und ging dann hin zu den frischen Blumen am Fensterbrett; vielleicht hatte sich dort das Märchen versteckt in die rote Tulpe mit den goldgelben Rändern oder in die frische Rose oder in die starkfarbige Kamelie. Der Sonnenschein lag zwischen den Blättern, aber nicht das Märchen.
"Die Blumen, die hier in der Trauerzeit standen, waren alle weit schöner; aber sie wurden abgeschnitten, jede einzelne, in Kränze gebunden, auf Särge niedergelegt, und über sie wurde die Fahne gebreitet. Vielleicht ist das Märchen mit den Blumen begraben! Aber davon müßten die Blumen gewußt haben, der Sarg hätte es vernommen, die Erde hätte es vernommen, jeder kleine Grashalm, der hervor wuchs, würde es erzählt haben. Das Märchen stirbt niemals!
Vielleicht ist es auch hier gewesen und hat angeklopft, aber wer hatte damals Ohren dafür, Gedanken dafür! Man sah düster, schwermütig, fast böse zu dem Sonnenschein des Frühlings, seinem Vogelgezwitscher und all dem fröhlichen Grün; ja, die Zunge konnte nicht die alten, volksfrischen Lieder singen, wie wurden eingesargt mit so vielem, was unserm Herzen teuer war; das Märchen kann wohl angeklopft haben; aber es wurde nicht gehrt, nicht willkommen geheißen, und so ist es fortgeblieben.
Ich will gehen und es aufsuchen.
Hinaus aufs Land! Hinaus in den Wald, an den offenen Strand!"
Draußen liegt ein alter Herrenhof mit roten Mauern, zackigem Giebel und wehender Fahne auf dem Turm. Die Nachtigall singt unter den feingefransten Buchenblättern, während sie auf des Garten blühende Apfelbäume blickt und glaubt, daß sie Rosen tragen. Hier sind in der Sommersonne die Bienen geschäftig, und mit summendem Gesang schwärmen sie um ihre Königin. Der Herbststurm weiß von der wilden Jagd zu erzahlen, von den Menschengeschlechtern und den Blättern des Waldes, die hinwehen. Zur Weihnachtszeit singen die wilden Schwäne draußen vor dem offenen Wasser, während man drinnen in dem alten Hof am Kaminfeuer Lust hat, Lieder und Sagen zu hören.
Drunten in dem alten Teil des Gartens, wo die große Allee von wilden Kastanien mit ihrem Halbdunkel lockt, ging der Mann, der das Märchen suchte; hier hatte ihm einmal der Wind von Waldemar Daa und seinen Töchtern vorgesaust. Die Dryade im Baum, das war die Märchenmutter selbst, hatte ihm hier von des alten Eichenbaums letztem Traum erzählt, Zu der Großmutter Zeiten standen hier beschnittene Hecken, nun wuchsen nur Farnkräuter und Nesseln; sie breiteten sich aus über hingeworfene Reste alter Steinfiguren; Moos wuchs ihnen in den Augen, aber sie konnten ebenso gut sehen wie früher, das konnte der Mann, der nach dem Märchen suchte, nicht. es sah das Märchen nicht. Wo war es?
Über ihm und die alten Bäume hin flogen Krähen zu Hunderten und schrieen "Fort von Hier! Fort von hier!"
Und er ging aus dem Garten über den Wallgraben des Herrenhofes hin in das Erlenwäldchen hinein; dort stand ein kleines, sechseckiges Haus mit einem Hühnerhof und einem Entenhof; mitten in der Stube saß die alte Frau, die das Ganze leitete und genau von jedem Ei Bescheid wußte, das gelegt wurde, von jedem Küken, das aus dem Ei schlüpfte! Aber sie war nicht das Märchen, das der Mann suchte; das konnte sie beweisen mit einem christlichen Taufschein und einem Impf-Attest, beide lagen in der Truhe.
Draußen, nicht weit von dem Hause, ist ein Hügel mit Rotdorn und Goldregen; hier liegt ein alter Grabstein, der vor vielen Jahren vom Kirchhof eines Landstädtchens hierhergebracht wurde, eine Erinnerung an einen der ehrenhaften Ratsherren der Stadt, seine Frau und seine fünf Töchter, alle mit gefalteten Händen und Halskrausen, stehen, aus Stein gehauen, um ihn herum. Man konnte sie so lange betrachten, daß sie auf die Gedanken wirkten, und diese wieder wirkten auf den Stein, so daß er von alten Zeiten erzählte; wenigstens war es dem Mann so ergangen, der das Märchen suchte. Als er nun dahin kam, sah er einen lebendigen Schmetterling grade auf der Stirn von dem gemeißelten Bilde des Ratsherrn sitzen; der schlug mit den Flügeln, flog eine kleine Strecke und setzt sich wieder dicht neben den Grabstein, gleichsam um zu zeigen, was dort wuchs.
Dort wuchs ein Vierklee, dort wuchsen ganze sieben Stück nebeneinander. Kommt das Glück, so kommt es in Fülle! Er pflückte die Kleeblätter und steckte sie in die Tasche. Das Glück ist so gut wie bares Geld, aber ein neues, schönes Märchen wäre doch noch besser, dachte der Mann, aber das fand er dort nicht.
Die Sonne ging unter, rot und groß; die Wiese dampfte, und das Moorweib braute.
Es war spät am Abend; er stand allein in seiner Stube, sah hinaus über den Garten, über Wiese, Moor und Strand, der Mond schien hell, es lag ein Dunst über der Wiese, als sei sie ein großer See, und das war sie auch einmal gewesen, ging die Sage, und im Mondschein trat die Sage in Erscheinung. Da dachte der Mann daran, was er drinnen, in der Stadt gelesen hatte, daß Wilhelm Tell und Hollger Danske nicht gelebt hätten, aber im Volksglauben werden sie doch, wie der See hier draußen, lebende Erscheinungen der Sage. Ja, Holger Danske kommt wieder! Während er so stand und dachte, schlug etwas ganz stark an das Fenster. War es ein Vogel? eine Fledermaus oder eine Eule? Ja, die läßt man nicht ein, wenn sie klopfen. Das Fenster sprang von selber auf, ein altes Weib sah herein ...
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