Jean Paul: Des Feldpredigers Schmelzle Reise nach Flätz
Jean Paul
Des
Feldpredigers Schmelzle
Reise nach Flätz
mit fortgehenden Noten;
nebst
der Beichte des Teufels
bei
einem Staatsmanne
(1809)
Vorrede
Zirkelbrief des vermutlichen katechetischen Professors Attila Schmelzle an seine Freunde
Reise nach Flätz
Erste Station von Neusattel nach Vierstädten
Zweite Station von Vierstädten nach Niederschöna
Dritte Station von Niederschöna nach Flätz
Erster Tag in Flätz
Erste Nacht in Flätz
Zweiter Tag in Flätz
Beichte des Teufels bei einem großen Staatsbedienten
Jean Paul: Schmelzles Reise nach Flätz / Vorrede
Vorrede
Ich glaube, mit drei Worten ist sie gemacht, so wie der Mensch und seine
Buße aus ebenso vielen Teilen.
1) Das erste Wort ist über den Zirkelbrief des Feldpredigers Schmelzle
zu sagen, worin er seinen Freunden seine Reise nach der Hauptstadt Flätz
beschreibt, nachdem er in einer Einleitung einige Beweise und Versicherungen
seines Mutes vorausgeschickt. Eigentlich ist selber die Reise nur dazu
bestimmt, seine vom Gerüchte angefochtene Herzhaftigkeit durch lauter
Tatsachen zu bewähren, die er darin erzählt. Ob es nicht inzwischen
feine Nasen von Lesern geben dürfte, welche aus einigen darunter gerade
umgekehrt schließen, seine Brust sei nicht überall bombenfest,
wenigstens auf der linken Seite, darüber lass'' ich mein Urteil
schweben.
Übrigens bitte ich die Kunstkenner, so wie ihren Nachtrab, die
Kunstrichter, diese Reise, für deren Kunstgehalt ich als Herausgeber
verantwortlich werde, bloß für ein Porträt (im
französischen Sinne), für ein Charakterstück zu halten. Es ist
ein will- oder unwillkürliches Luststück, bei dem ich so oft gelacht,
daß ich mir für die Zukunft ähnliche Charakter-Gemälde zu
machen vorgesetzt. - Wann könnte indes ein solches Luststückchen
schicklicher der Welt ausgestellt und bescheret werden als eben in Zeiten, wo
schweres Geld und leichtes Gelächter fast ausgeklungen haben, zumal da wir
jetzt wie Türken bloß mit Beuteln rechnen und zahlen (der
Inhalt ist heraus) und mit Herz-Beuteln (der Inhalt ist darin)?Verächtlich würde mirs vorkommen, wenn irgendein roher
Dintenknecht rügend und öffentlich anfragte, auf welchen Wegen ich zu
diesem Selbst-Kabinetts-Stücke Schmelzles gekommen sei. Ich weiß sie
gut und sage sie nicht. Dieses fremde Luststück, wofür ich allerdings
(mein Verleger bezeugts) den Ehrensold selber beziehe, überkam ich so
rechtlich, daß ich unbeschreiblich ruhig erwarte, was der Feldprediger
gegen die Herausgabe sagt, falls er nicht schweigt. Mein Gewissen bürgt
mir, daß ich wenigstens auf ehrlichern Wegen zu diesem Besitztume
gekommen, als die sind, auf denen Gelehrte mit den Ohren stehlen, welche als
geistige Hörsaals-Hausdiebe und Katheder-Schnapphähne und Kreuzer die
erbeuteten Vorlesungen in den Buchdruckereien ausschiffen, um sie im Lande als
eigne Erzeugnisse zu verhandeln. Noch hab'' ich wenig mehr in meinem Leben
gestohlen als jugendlich zuweilen - Blicke.
2) Das zweite Wort soll die auffallende, mit einem Noten-Souterrain
durchbrochne Gestalt des Werkleins entschuldigen. Sie gefällt mir selber
nicht. Die Welt schlage auf und schaue hinein und entscheide ebenfalls. Aber
folgender Zufall zog diese durch das ganze Buch streichende Teilungslinie: ich
hatte meine eigne Gedanken (oder Digressionen), womit ich die des Feldpredigers
nicht stören durfte, und die bloß als Noten hinter der Linie fechten
konnten, aus Bequemlichkeit in ein besonderes Neben-Manuskript zusammen
geschrieben und jede Note ordentlich, wie man sieht, mit ihrer Nummer versehen,
die sich bloß auf die Seitenzahl des fremden Haupt-Manuskripts bezog; ich
hatte aber bei dem Kopieren des letztern vergessen, in den Text selber die
entsprechende einzuschreiben. Daher werfe niemand, so wenig als ich, einen
Stein auf den guten Setzer, daß dieser - vielleicht in der Meinung, es
gehöre zu meiner Manier, worin ich etwas suchte - die Noten gerade so, wie
sie ohne Rangordnung der Zahlen untereinander standen, unter den Text
hinsetzte, jedoch durch ein sehr lobenswürdiges künstliches
Ausrechnen wenigstens dafür sorgte, daß unter jede Text-Seite etwas
von solchem glänzenden Noten-Niederschlag käme. -- Nun, die
Sache ist einmal geschehen, ja verewigt, nämlich gedruckt. Am Ende sollte
ich mich eigentlich fast darüber erfreuen. In der Tat - und hätt'' ich
jahrelange darauf gesonnen (wie ichs bisher seit zwanzigen getan), um für
meine Digressions-Kometenkerne neue Licht-Hülsen, wenn nicht Zug-Sonnen,
für meine Episoden neue Epopöen zu erdenken: schwerlich hätt''
ich für solche Sünden einen bessern und geräumigern
Sündenbalg erfunden, als hier Zufall und Setzer fertig gemacht darreichen.
Ich habe nur zu beklagen, daß die Sache gedruckt worden, eh'' ich
Gebrauch davon machen können. Himmel! welche fernsten Anspielungen
(hätt'' ichs vor dem Drucke gewußt) wären nicht in jeder
Text-Seite und Noten-Nummer zu verstecken gewesen, und welche scheinbare
Unangemessenheit in die wirkliche Gemessenheit und ins Noten-Untere der Karten;
wie empfindlich und boshaft wäre nicht in die Höhe und auf die Seite
heraus zu hauen gewesen aus den sichern Kasematten und Miniergängen unten,
und welche laesio ultra dimidium (Verletzung über die Hälfte des
Textes) wäre nicht mit satirischen Verletzungen zu erfüllen und zu
ergänzen gewesen!
Aber das Schicksal wollte mir nicht so gut; ich sollte von diesem goldnen
Handwerks-Boden für Satiren erst etwas erfahren drei Tage vor der
Vorrede.
Vielleicht aber holt die Schreibwelt - bei dem Flämmchen dieses Zufalls
- eine wichtigere Ausbeute, einen größern unterirdischen Schatz
herauf, als leider ich gehoben; denn nun ist dem Schriftsteller ein Weg
gezeigt, in einem Marmorbande ganz verschiedne Werke zu geben, auf
einem Blatte zugleich für zwei Geschlechter, ohne deren
Vermischung, ja für fünf Fakultäten zugleich ohne deren
Grenzverrückung zu schreiben, indem er, statt ein ekles gärendes
Allerlei für niemand zu brauen, bloß dahin arbeitet, daß er
Noten-Linien oder Demarkationslinien zieht und so auf dem nämlichen
fünfstöckigen Blatte die unähnlichsten Köpfe behauset und
bewirtet. Vielleicht läse dann mancher ein Buch zum vierten Male,
bloß weil er jedesmal nur ein Viertel gelesen.
3) Das dritte Wort hat bloß zu sagen, daß die Beichte des
Teufels bei einem Staatsmanne ein unschuldiger Kalender-Anhang des Buches
sein soll, der kein Beichtsiegel erbricht.
Wenigstens den Wert hat dieses Werk, daß es ein Werkchen ist
und klein genug; so daß es, hoff'' ich, jeder Leser fast schon im
Buchladen schnell durchlaufen und auslesen kann, ohne es wie ein dickes erst
deshalb kaufen zu müssen. - Und warum soll denn überhaupt auf der
Körperwelt etwas anderes groß sein als nur das, was nicht zu ihr
gehört, die Geisterwelt?Baireuth, im Heu- und Friedens-Monat 1807
Jean Paul Fr. Richter
Jean Paul: Schmelzles Reise nach Flätz / Zirkelbrief
Zirkelbrief des vermutlichen katechetischen Professors Attila Schmelzle an seine Freunde, eine Ferien-Reise
nach Flätz enthaltend, samt einer Einleitung, sein Davonlaufen und seinen Mut als voriger Feldprediger
betreffend
Nichts ist wohl lächerlicher, meine werten Freunde, als wenn man einen Mann für einen Hasen
ausgibt, der vielleicht gerade mit den entgegengesetzten Fehlern eines Löwen kämpft, wiewohl
nun auch der afrikanische Leu seit Sparrmanns Reise als ein Feigling zirkuliert. Ich bin indes in diesem
Falle, Freunde, wovon ich später reden werde, ehe ich meine Reise beschreibe. Ihr freilich wißt
alle, daß ich gerade umgekehrt den Mut und den Waghals (ist er nur sonst kein Grobian) vergöttere,
z.B. meinen Schwager, den Dragoner, der wohl nie in seinem Leben einen Menschen allein ausgeprügelt,
sondern immer einen ganzen geselligen Zirkel zugleich. Wie furchtbar war nicht meine Phantasie schon in
der Kindheit, wo ich, wenn der Pfarrer die stumme Kirche in einem fort anredete, mir oft den Gedanken:
Wie, wenn du jetzt geradezu aus dem Kirchstuhle hinauf schrieest: ich bin auch da, Herr Pfarrer!
so glühend ausmalte, daß ich vor Grausen hinaus mußte! - So etwas wie Rugendas'' Schlachtstücke
- entsetzliches Mordgetümmel - Seetreffen und Landstürme bei Toulon - auffliegende Flotten und in der Kindheit Prager Schlachten auf Klavieren - und kurz, jede Karte von einem reichen Kriegsschauplatz;
dies sind vielleicht zu sehr meine Liebhabereien, und ich lese und kaufe nichts lieber; es könnte
mich oft zu manchem versuchen, hielte mich nicht meine Lage aufrecht. Soll indes rechter Mut etwas Höheres
sein als bloßes Denken und Wollen: so genehmigt ihr es am ersten, Werteste, wenn auch der meinige
einst dadurch in tätige Worte ausbrechen will, daß ich meine künftigen Katecheten, so
gut es in Vorlesungen möglich, zu christlichen Heroen stähle. - Es ist bekannt, daß ich
immer wenigstens zehn Äcker weit von jedem Ufer voll Badgäste und Wasserschwimmer fern spazieren
gehe, um für mein Leben zu sorgen, bloß weil ich gewiß voraussehe, daß ich, falls
einer davon ertrinken wollte, ohne weiteres (denn das Herz überflügelte den Kopf) ihm, dem Narren,
rettend nachspringen würde, in irgendeine bodenlose Tiefe hinein, wo wir beide ersöffen. - Und
wenn das Träumen der Widerschein des Wachens ist, so frag'' ich euch, Treue, erinnert ihr euch nicht
mehr, daß ich euch Träume von mir erzählet habe, deren sich kein Cäsar, Alexander
und Luther schämen darf? Hab'' ich nicht - um nur an einige zu erinnern - Rom gestürmt und mich
mit dem Papste und dem Elefantenorden des Kardinal-Kollegiums zugleich duelliert? Bin ich nicht zu Pferde,
worauf ich als Revue-Zuschauer gesessen, in ein bataillon quarré eingebrochen und habe in Aachen
die Perücke Karls des Großen, wofür die Stadt jährlich 10Rtlr. Frisiergeld
zahlt, und darauf in Halberstadt von Gleim Friedrichs Hut erobert und beide aufeinander aufgesetzt und
habe mich doch noch umgekehrt, nachdem ich vorher auf einem erstürmten Walle die Kanone gegen den
Kanonier selber umgekehrt? - Hab'' ich nicht mich beschneiden und doch ...
|
|
|
|
|
|
|
|
|