E. T. A. Hoffmann: KreislerianaE. T. A. Hoffmann
Kreisleriana
Der Kapellmeister Kreisler im Wahnsinn.
Bleistiftzeichnung E.T.A. Hoffmanns, 1822
Inhalt:
Kreisleriana I
1.Johannes Kreislers, des Kapellmeisters, musikalische Leiden
2.Ombra adorata!
3.Gedanken über den hohen Wert der Musik
4.Beethovens Instrumentalmusik
5.Höchst zerstreute Gedanken
6.Der vollkommene Maschinist
Kreisleriana II
1.Brief des Barons Wallborn an den Kapellmeister Kreisler
2.Brief des Kapellmeisters Kreisler an den Baron Wallborn
3.Kreislers musikalisch-poetischer Klub
4.Nachricht von einem gebildeten jungen Mann
5.Der Musikfeind
6.Über einen Ausspruch Sacchinis
und über den sogenannten Effekt in der Musik
7.Johannes Kreislers Lehrbrief
E. T. A. Hoffmann: Kreisleriana IKreisleriana
Nr. 1-6
Wo ist er her? Niemand weiß es! Wer waren seine Eltern? Es ist
unbekannt! Wessen Schüler ist er? Eines guten Meisters, denn er spielt vortrefflich,
und da er Verstand und Bildung hat, kann man ihn wohl dulden, ja ihm sogar den Unterricht in der
Musik verstatten. Und er ist wirklich und wahrhaftig Kapellmeister gewesen, setzen die
diplomatischen Personen hinzu, denen er einmal in guter Laune eine von der Direktion des
...rHoftheaters ausgestellte Urkunde vorwies, in welcher er, der Kapellmeister Johannes
Kreisler, bloß deshalb seines Amtes entlassen wurde, weil er standhaft verweigert hatte, eine
Oper, die der Hofpoet gedichtet, in Musik zu setzen; auch mehrmals an der öffentlichen
Wirtstafel von dem Primo Huomo verächtlich gesprochen und ein junges Mädchen, die er im
Gesange unterrichtet, der Prima Donna in ganz ausschweifenden, wiewohl unverständlichen
Redensarten vorzuziehen getrachtet; jedoch solle er den Titel als Fürstlich
...rKapellmeister beibehalten, ja sogar zurückkehren dürfen, wenn er gewisse
Eigenheiten und lächerliche Vorurteile, z.B. daß die wahre italienische Musik
verschwunden sei usw. gänzlich abgelegt, und an die Vortrefflichkeit des Hofpoeten, der
allgemein für den zweiten Metastasio anerkannt, willig glaube. Die Freunde behaupteten,
die Natur habe bei seiner Organisation ein neues Rezept versucht und der Versuch sei
mißlungen, indem seinem überreizbaren Gemüte, seiner bis zur zerstörenden
Flamme aufglühenden Phantasie zu wenig Phlegma beigemischt und so das Gleichgewicht
zerstört worden, das dem Künstler durchaus nötig sei, um mit der Welt zu leben und
ihr Werke zu dichten, wie sie dieselben, selbst im höhern Sinn, eigentlich brauche. Dem sei,
wie ihm wolle genug, Johannes wurde von seinen inneren Erscheinungen und Träumen wie
auf einem ewig wogenden Meer dahin dorthin getrieben, und er schien vergebens den Port zu
suchen, der ihm endlich die Ruhe und Heiterkeit geben sollte, ohne welche der Künstler
nichts zu schaffen vermag. So kam es denn auch, daß die Freunde es nicht dahin bringen
konnten, daß er eine Komposition aufschrieb oder, wirklich aufgeschrieben, unvernichtet
ließ. Zuweilen komponierte er zur Nachtzeit in der aufgeregtesten Stimmung; er weckte
den Freund, der neben ihm wohnte, um ihm alles in der höchsten Begeisterung vorzuspielen, was
er in unglaublicher Schnelle aufgeschrieben er vergoß Tränen der Freude über
das gelungene Werk er pries sich selbst als den glücklichsten Menschen, aber den andern
Tag lag die herrliche Komposition im Feuer. Der Gesang wirkte beinahe verderblich auf
ihn, weil seine Phantasie dann überreizt wurde und sein Geist in ein Reich entwich, wohin ihm
niemand ohne Gefahr folgen konnte; dagegen gefiel er sich oft darin, stundenlang auf dem
Flügel die seltsamsten Themas in zierlichen kontrapunktischen Wendungen und Nachahmungen, in
den kunstreichsten Passagen auszuarbeiten. War ihm das einmal recht gelungen, so befand er sich
mehrere Tage hindurch in heiterer Stimmung, und eine gewisse schalkhafte Ironie würzte das
Gespräch, womit er den kleinen gemütlichen Zirkel seiner Freunde erfreute.
Auf einmal war er, man wußte nicht wie und warum, verschwunden. Viele behaupteten, Spuren des
Wahnsinns an ihm bemerkt zu haben, und wirklich hatte man ihn mit zwei übereinander
gestülpten Hüten und zwei Rastralen, wie Dolche in den roten Leibgürtel gesteckt,
lustig singend zum Tore hinaushüpfen gesehen, wiewohl seine näheren Freunde nichts
Besonderes bemerkt, da ihm gewaltsame Ausbrüche, von irgendeinem innern Gram erzeugt, auch
schon sonst eigen gewesen. Als nun alle Nachforschungen, wo er geblieben, vergebens und die Freunde
sich über seinen kleinen Nachlaß an Musikalien und andern Schriften berieten, erschien
das Fräulein vonB. und erklärte, wie nur ihr allein es zukomme, diesen
Nachlaß ihrem lieben Meister und Freunde, den sie keineswegs verloren glaube, zu bewahren.
Ihr übergaben mit freudigem Willen die Freunde alles, was sie vorgefunden, und als sich auf
den weißen Rückseiten mehrerer Notenblätter kleine, größtenteils
humoristische Aufsätze, in günstigen Augenblicken mit Bleistift schnell hingeworfen,
befanden, erlaubte die treue Schülerin des unglücklichen Johannes dem treuen Freunde,
Abschrift davon zu nehmen und sie als anspruchslose Erzeugnisse einer augenblicklichen Anregung
mitzuteilen.
E. T. A. Hoffmann: Kreisleriana I.11.
Johannes Kreislers, des Kapellmeisters, musikalische Leiden
Sie sind alle fortgegangen. Ich hätt'' es an dem Zischeln, Scharren, Räuspern,
Brummen durch alle Tonarten bemerken können: es war ein wahres Bienennest, das vom Stocke
abzieht, um zu schwärmen. Gottlieb hat mir neue Lichter aufgesteckt und eine Flasche Burgunder
auf das Fortepiano hingestellt. Spielen kann ich nicht mehr, denn ich bin ganz ermattet; daran ist
mein alter herrlicher Freund hier auf dem Notenpulte schuld, der mich schon wieder einmal, wie
Mephistopheles den Faust auf seinem Mantel, durch die Lüfte getragen hat, und so hoch,
daß ich die Menschlein unter mir nicht sah und merkte, unerachtet sie tollen Lärm genug
gemacht haben mögen. Ein hundsföttischer, nichtswürdig vergeudeter Abend!
Aber jetzt ist mir wohl und leicht. Hab ich doch gar während des Spielens meinen
Bleistift hervorgezogen und Seite63 unter dem letzten System ein paar gute Ausweichungen in
Ziffern notiert mit der rechten Hand, während die Linke im Strome der Töne fortarbeitete!
Hinten auf der leeren Seite fahr ich schreibend fort. Ich verlasse Ziffern und Töne, und mit
wahrer Lust, wie der genesene Kranke, der nun nicht aufhören kann zu erzählen, was er
gelitten, notiere ich hier umständlich die höllischen Qualen des heutigen Tees. Aber
nicht für mich allein, sondern für alle, die sich hier zuweilen an meinem Exemplar der
Johann Sebastian Bachschen Variationen für das Klavier, erschienen bei Nägeli in
Zürich, ergötzen und erbauen, bei dem Schluß der 30.Variation meine Ziffern
finden und, geleitet von dem großen lateinischen Verte (ich schreib es gleich hin,
wenn meine Klageschrift zu Ende ist), das Blatt umwenden und lesen. Diese erraten gleich den wahren
Zusammenhang; sie wissen, daß der Geheime Rat Röderlein hier ein ganz charmantes Haus
macht und zwei Töchter hat, von denen die ganze elegante Welt mit Enthusiasmus behauptet, sie
tanzten wie die Göttinnen, sprächen französisch wie die Engel und spielten und
sängen und zeichneten wie die Musen. Der Geheime Rat Röderlein ist ein reicher Mann; er
führt bei seinen vierteljährigen Dinés die schönsten Weine, die
feinsten Speisen, alles ist auf den elegantesten Fuß eingerichtet, und wer sich bei seinen
Tees nicht himmlisch amüsiert, hat keinen Ton, keinen Geist und vornehmlich keinen Sinn
für die Kunst. Auf diese ist es nämlich auch abgesehen; neben dem Tee, Punsch, Wein,
Gefrornen etc. wird auch immer etwas Musik präsentiert, die von der schönen Welt ganz
gemütlich so wie jenes eingenommen wird. Die Einrichtung ist so: nachdem jeder Gast Zeit genug
gehabt hat, eine beliebige Zahl Tassen Tee zu trinken, und nachdem zweimal Punsch und Gefrornes
herumgegeben worden ist, rücken die Bedienten die Spieltische heran für den älteren,
solideren Teil der Gesellschaft, der dem musikalischen das Spiel mit Karten vorzieht, welches auch
in der Tat nicht solchen unnützen Lärm macht und wo nur einiges Geld erklingt. Auf
dies Zeichen schießt der jüngere Teil der Gesellschaft auf die Fräuleins
Röderlein zu; es entsteht ein Tumult, in dem man die Worte unterscheidet: Schönes
Fräulein, versagen Sie uns nicht den Genuß Ihres himmlischen Talents osinge
etwas, meine Gute. Nicht möglich Katarrh der letzte Ball nichts
eingeübt. Obitte, bitte wir flehen etc. Gottlieb hat unterdessen den
Flügel geöffnet und das Pult mit dem wohlbekannten Notenbuche beschwert. Vom Spieltisch
herüber ruft die gnädige Mama: Chantez donc, mes enfants! Das ist das
Stichwort meiner Rolle; ich stelle mich an den Flügel, und im Triumph werden die
Röderleins an das Instrument geführt. Nun entsteht wieder eine Differenz: keine will
zuerst singen. Du weißt, liebe Nanette, wie entsetzlich heiser ich bin.
Bin ich es denn weniger, liebe Marie? Ich singe so schlecht.
OLiebe, fange nur an etc. Mein Einfall (ich habe ihn jedesmal!), beide
möchten mit einem Duo anfangen, wird gewaltig beklatscht, das Buch durchblättert, das
sorgfältig eingeschlagene Blatt endlich gefunden, und nun geht''s los: Dolce dell'' anima
etc. Das Talent der Fräulein Röderlein ist wirklich nicht das geringste.
Ich bin nun fünf Jahre hier und viertehalb Jahre im Röderleinschen Hause Lehrer; für
diese kurze Zeit hat es Fräulein Nanette dahin gebracht, daß sie eine Melodie, die sie
nur zehnmal im Theater gehört und am Klavier dann höchstens noch zehnmal durchprobiert
hat, so wegsingt, daß man gleich weiß, was es sein soll. Fräulein Marie faßt
es schon beim achten Mal, und wenn sie öfters einen Viertelston tiefer steht, als das Piano,
so ist das bei solch niedlichem Gesichtlein und den ganz leidlichen Rosenlippen am Ende wohl zu
ertragen. Nach dem Duett allgemeiner Beifallschorus! Nun wechseln Arietten und Duettinos,
und ich hämmere das tausendmal geleierte Akkompagnement frisch darauf los. Während des
Gesanges hat die Finanzrätin Eberstein durch Räuspern und ...
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