Die Irrungen
Fragment aus dem Leben eines Phantasten
Verloren und Gefunden
In dem zweiundachtzigsten Stück der Haude- und Spenerschen
Zeitung vom Jahre 18-- befand sich folgende Aufforderung:
Derjenige junge schwarz gekleidete Mann mit braunen Augen,
braunem Haar und etwas schief verschnittenem Backenbart, welcher
vor einiger Zeit im Tiergarten auf einer Bank unfern der Statue
des Apollo eine kleine himmelblaue Brieftasche mit goldnem Schloß
gefunden und wahrscheinlich geöffnet hat, wird, da man weiß,
daß er in Berlin nicht heimisch ist, ersucht, sich am vierundzwanzigsten
Julius des künftigen Jahres in Berlin, und zwar in dem Hotel,
Die Sonne geheißen, bei der Madame Obermann
einzufinden, um das Nähere über den Inhalt jener Brieftasche,
der ihm vielleicht interessant geworden, zu erfahren. Sollte jedoch
der besagte junge Mann den Entschluß, den er einmal gefaßt,
jetzt auszuführen gedenken und nach Griechenland reisen wollen,
so wird er sehr gebeten, sich in Patras auf Morea an den preußischen
Konsul Herrn Andreas Condoguri zu wenden und ihm die gedachte
Brieftasche vorzuzeigen. Dem geschätzten Finder wird sich
dann ein anmutiges Geheimnis erschließen.
Der Baron Theodor von S. geriet, als er dies auf dem Kasino las,
in eine freudige Bestürzung. Niemand anders konnte in jener
Aufforderung gemeint sein als er selbst, denn eben er hatte, es
mochte wohl schon ein Jahr her sein, im Tiergarten an der bezeichneten
Stelle eine kleine himmelblaue Brieftasche mit einem goldenen
Schloß gefunden und zu sich gesteckt. Der Baron gehörte
zu den Leuten, denen nicht eben viel Besonderes im Leben begegnet,
die aber alles, was ihnen in den Weg tritt, für etwas ganz
Außerordentliches und sich selbst von dem Schicksal dazu
bestimmt halten, das Außerordentliche, Unerhörte zu
erfahren. Gleich damals als der Baron die Brieftasche fand, die
ihrer Form nach einer Dame angehören mußte, war er
überzeugt, daß ihm irgendein seltsames Abenteuer aufgehen
würde. Wichtigere Dinge (wir werden erfahren welche) brachten
ihm indessen die Brieftasche aus den Gedanken, und um so größer
war die Überraschung, daß nun erst das erwartete Abenteuer
eintreffen sollte.
Fürs erste mußte sich aber der Baron über zwei
Dinge in jener Aufforderung ärgern, nämlich daß
seine Augen braun sein sollten, die er immer für blau gehalten,
und daß sein Backenbart für schief verschnitten angegeben
wurde. Letzteres griff ihn um so mehr an die Seele, als er selbst
vor dem schärfsten Pariser Toilettenspiegel das schwierige
Geschäft des Zustutzens seines Backenbarts besorgte und sich
darin, wie der Kennerblick des Theaterfriseurs Warnicke längst
entschieden, als Meister bewährte.
Nachdem der Baron sich sattsam geärgert, stellte er folgende
Betrachtungen an.
Erstlich, warum hat man mit jener Aufforderung beinahe ein
Jahr gezögert? - Hat man mich unter der Zeit zu erforschen
gesucht? - Aber, durfte zweitens dies wohl geschehen, da man
mich näher kennen mußte, um zu wissen, was für
Geheimnisse mich es einmal aussprechen ließen, daß
einer besondern Konstellation halber ich nach Griechenland reisen
wolle? - Kann drittens das anmutige Geheimnis wohl anderer Natur
sein als weiblicher? - O Gott! es ist viertens gar nicht zu zweifeln,
daß zwischen mir und dem Engelsbilde, das jene Brieftasche
auf der Bank unweit der Statue des Apollo liegenließ, gewiß
geheime Beziehungen obwalten, die sich bei der Madame Obermann
in der Sonne oder in Patras auf Morea entwickeln werden.
Wer weiß, welche herrliche Träume, welche süße
Ahnungen dann plötzlich in reges glühendes Leben treten,
welches zarte Geheimnis wie ein wundervolles Märchen mit
aller Lust, allem seligen Entzücken in mir aufgehen wird!
- Aber, wo ist, fünftens, um tausend Himmels willen die
verhängnisvolle Brieftasche geblieben?
Dieser fünfte Punkt war ein sehr böser, da er mit einem
Schlage alle geträumte Hoffnungen, das außerordentlichste
aller Abenteuer zu bestehen, vernichten mußte. Vergebens
blieb alles Nachsuchen, und dem Baron war es in der Tat unbegreiflich,
wie er sich gar nicht darauf zu besinnen vermochte, ob er die
Brieftasche noch später in Händen gehabt. Zuletzt kam
er darauf, daß ein großer Verdruß, den er an
jenem Abende hatte, da er die Brieftasche fand, ihn so sehr außer
Fassung gebracht, daß er alles übrige und auch die
Brieftasche darüber vergessen.
Gerade an dem Tage trug er zum erstenmal eine der saubersten,
zierlichsten, wohlpassendsten Kleidungen, die jemals der Kleiderkünstler
Freitag verfertigen lassen und mit weisem Überblick redigiert
hatte. Neun Barone, fünf Grafen und mehrere simple Edelleute
hatten auf Ehre und Seligkeit geschworen, der Frack sei göttlich
und die Pantalons deliziös, aber freilich, GrafE., der
Rhadamanthus der modernen Welt, hatte sein Urteil noch nicht gesprochen.
Das Schicksal wollte, daß der Baron vonS., gerade als
er, nachdem er die Brieftasche gefunden, aus dem Tiergarten zurückkehrte,
unter den Linden dem Grafen v.E. begegnete. Guten Abend,
Baron! rief der Graf ihm zu, lorgnierte ihn einen Augenblick,
sprach dann mit entscheidendem Tone: Die Taille beinahe
um einen Achtelzoll zu breit! und ließ den Baron stehen.
Der Baron hielt, was den Anzug betrifft, zu sehr auf Sitte und
Ordnung, um nicht über den abscheulichen Verstoß dagegen,
den er am Ende sich selbst beizumessen, in großen Zorn zu
geraten. Der Gedanke, einen ganzen Tag in Berlin mit einer zu
breiten Taille umhergegangen zu sein, hatte für ihn etwas
Entsetzliches. Er rannte wild nach Hause, ließ sich auskleiden
und befahl dem Kammerdiener, das unselige Kleid ihm aus den Augen
zu bringen. Erst dann kam Trost in seine Seele, als nach ein paar
Tagen ein schwarzes Kleid aus dem Atelier des Künstlers Freitag
hervorgegangen, das selbst GrafE. für makellos erklärte.
Genug - die zu breite Taille war schuld an dem Verlust der Brieftasche,
über den der Baron in völlige Trostlosigkeit geriet.
Mehrere Tage waren vergangen, als es dem Baron einfiel, seine
Garderobe zu mustern. Der Kammerdiener schloß den Schrank
auf, in dem der Baron die Kleider, die er nicht mehr trug, aufhängen
zu lassen pflegte. Aus dem Schrank strömte dem Baron ein
starker Geruch von Rosenöl entgegen. Auf Befragen versicherte
der Kammerdiener, daß dieser Geruch von jenem schwarzen
Frack mit der breiten Taille herrühre, den er vor einiger
Zeit hineingehängt, da ihn der Herr Baron nicht mehr tragen
wollen.
Sowie der Kammerdiener diese Worte aussprach, leuchtete in dem
Baron wie ein Blitz der Gedanke auf, der, wie man meinen sollte,
eben nicht so sehr entfernt gelegen, nämlich daß er
das gefundene Kleinod in die Busentasche des Rocks gesteckt und
im Verdruß wieder herauszunehmen vergessen.
Er erinnerte sich in dem Augenblick, daß die Brieftasche
stark nach Rosenöl gerochen.
Der Rock wurde hervorgeholt, es traf ein, was der Baron geahnt.
Man kann denken, mit welcher Ungeduld der Baron das kleine goldne
Schlößlein öffnete, um den Inhalt der Brieftasche
zu erfahren, der seltsam genug war.
Zuerst fiel dem Baron ein sehr kleines Messerchen von sonderbarer
Form, beinahe anzusehen wie ein chirurgisches Instrument, in die
Hände. Dann erregte seine Aufmerksamkeit ein seidenes strohgelbes
Band, in dem allerlei fremdartige Charaktere, beinahe chinesischer
Schrift ähnlich, in schwarzer Farbe eingewirkt waren. Ferner
fand sich in einem seidenpapiernen Umschlage eine verdorrte unbekannte
Blume. Wichtiger als alles schienen aber dem Baron zwei beschriebene
Blätterchen. Auf dem einen standen Verse, die indessen der
Baron leider nicht zu verstehen vermochte, da sie in einer Sprache
abgefaßt waren, die selbst manchem vortrefflichen Diplomatiker
fremd blieb, nämlich in der neugriechischen. Die Handschrift
auf dem andern Blatte schien ohne Vergrößerungsglas
kaum lesbar, doch überzeugte sich der Baron bald zu seiner
großen Freude, daß italienische Worte darauf standen.
Der italienischen Sprache war der Baron vollkommen mächtig.
In einem kleinen winzigen Täschchen steckte endlich noch
die Ursache des Dufts, den Brieftasche und Rock verbreitet, nämlich
ein in ein feines Papier gewickeltes, wie gewöhnlich hermetisch
verschlossenes Fläschlein Rosenöl.
Auf dem Papier stand ein griechisches Wort, und zwar:
Scnouespelpold.
Es kann hier gleich bemerkt werden, daß der Baron tags darauf
bei einem Mittagsmahl in der Jagorschen Restauration mit dem Herrn
Geheimen Rat Wolf zusammentraf und ihn um die Deutung des griechischen
Worts befragte, das auf dem Zettel stand. Der Geh. Rat Wolf hatte
aber kaum einen flüchtigen Blick auf den Zettel geworfen,
als er dem Baron ins Gesicht lachte und erklärte, daß
das ja gar kein griechisches Wort, sondern nicht anders zu lesen
als: Schnüspelpold, mithin ein Name sei, und zwar
ein deutscher, kein griechischer, da im ganzen Homer dergleichen
nicht vorkomme und auch billigerweise nicht vorkommen könne.
So gut, wie gesagt, sich der Baron auf das Italienische verstand,
so wollte ihm doch die Entzifferung des Blättleins nicht
recht gelingen. Denn außerdem daß die Schrift ein
wahres Augenpulver zu nennen, so waren auch manche Stellen beinahe
ganz verwischt. Es schien übrigens, als habe die Besitzerin
der Brieftasche (daß diese einem Frauenzimmer angehört,
war wohl außer allem Zweifel) einzelne Gedanken aufgeschrieben,
um sie zu einem Briefe an eine vertraute Freundin zu nutzen, das
Blättlein konnte aber auch eine Art von Tagebuch vorstellen.
- Genug, der Baron zerbrach sich den Kopf und verdarb sich die
Augen!
E.T.A. Hoffmann: Die Irrungen (2)Das Blättlein aus der Brieftasche
- Die Stadt ist im ganzen schön gebaut mit schnurgeraden
Straßen und großen Plätzen, hin und wieder trifft
man Alleen von halbverdorrten Bäumen, die, wenn der unheimlich
sausende Wind dichte Staubwolken vor sich hertreibt, ihr fahlgraues
Laub traurig schütteln. Kein einziger Springbrunnen sprudelt
lebendiges Wasser empor und verbreitet Kühle und Labung,
deshalb sind die Märkte öde und ...
|
|
|
|
|
|
|
|
|