Title: Haimatochare

Author:HOFFMANN E.T.A.
Subject:GERMAN FICTION
Source:
Download book:
Words Statistics:words statistics
 

Number of words for page:
Image]

E. T. A. Hoffmann

Haimatochare

------ Vorwort

Nachfolgende Briefe, welche über das unglückliche Schicksal zweier
Naturforscher Auskunft geben, wurden mir von meinem Freunde A. v. C.
mitgeteilt, als er eben von der merkwürdigen Reise zurückgekommen, in der
er den Erdball anderthalbmal umkreist hatte. Sie scheinen wohl öffentlicher
Bekanntmachung würdig. – Mit Trauer, ja mit Entsetzen gewahrt man, wie oft
ein harmlos scheinendes Ereignis die engsten Bande der innigsten
Freundschaft gewaltsam zu zerreißen und da verderbliches Unheil zu bereiten
vermag, wo man das Beste: das Ersprießlichste, zu erwarten sich berechtigt
glaubte.

E. T. A. Hoffmann.


1

An Se. Exzellenz den Generalkapitän und Gouverneur von Neu-Süd-Wales

Port Jackson, den 21. Juni 18**

Ew. Exzellenz haben zu befehlen geruhet, daß mein Freund, Herr Brougthon,
mit der Expedition, die nach O-Wahu ausgerüstet wird, als Naturforscher
mitgehe. Längst war es mein innigster Wunsch, O-Wahu noch einmal zu
besuchen, da die Kürze meines letzten Aufenthalts mir nicht mehr
gestattete, manche höchst merkwürdige naturhistorische Beobachtungen bis zu
bestimmten Resultaten zu steigern. Doppelt lebhaft erneuert sich jetzt
dieser Wunsch, da wir, ich und Herr Brougthon, durch die Wissenschaft,
durch gleiches Forschen auf das engste verkettet, schon seit langer Zeit
gewohnt sind, unsere Beobachtungen gemeinschaftlich anzustellen, und durch
augenblickliches Mitteilen derselben uns einander an die Hand zu gehen.
Ew. Exzellenz bitte ich daher, es genehmigen zu wollen, daß ich meinen
Freund Brougthon auf der Expedition nach O-Wahu begleite.

Mit tiefem Respekt etc.

J. Menzies.


N. S. Mit den Bitten und Wünschen meines Freundes Menzies vereinigen sich
die meinigen, daß Ew. Exzellenz geruhen möchten, ihm zu erlauben, mit mir
nach O-Wahu zu gehen. Nur mit ihm, nur wenn er mit gewohnter Liebe meine
Bestrebungen teilt, vermag ich das zu leisten, was man von mir erwartet.

A. Brougthon.


2

Antwort des Gouverneurs

Mit innigem Vergnügen bemerke ich, wie Sie, meine Herren, die Wissenschaft
so innig miteinander befreundet hat, daß aus diesem schönen Bunde, aus
diesem vereinten Streben sich nur die reichsten herrlichsten Resultate
erwarten lassen. Aus diesem Grunde will ich auch, unerachtet die Bemannung
der Diskovery vollständig ist und das Schiff wenig Raum hat, dennoch
erlauben, daß Herr Menzies der Expedition nach O-Wahu folge, und erteile in
diesem Augenblick deshalb dem Capitain Bligh die nötigen Befehle,

(Gez.) Der Gouverneur.


3

J. Menzies an E. Johnstone in London

Am Bord der Diskovery, den 2. Juli 18**

Du hast recht, mein lieber Freund, als ich Dir das letztemal schrieb, war
ich wirklich heimgesucht von einigen spleenischen Anfällen. Das Leben auf
Port Jackson machte mir die höchste Langeweile, mit schmerzlicher Sehnsucht
dachte ich an mein herrliches Paradies, an das reizende O-Wahu, das ich
erst vor kurzem verlassen. Mein Freund Brougthon, ein gelehrter und dabei
gemütlicher Mensch, war der einzige, der mich aufzuheitern und empfänglich
für die Wissenschaft zu erhalten vermochte, aber auch er sehnte sich, wie
ich, hinweg von Port Jackson, das unserm Forschungstrieb wenig Nahrung
darbieten konnte. Irre ich nicht, so schrieb ich Dir schon, daß dem Könige
von O-Wahu, namens Teimotu, ein schönes Schiff versprochen worden, das zu
Port Jackson gebaut und ausgerüstet werden sollte. Dies war geschehen,
Capitain Bligh erhielt den Befehl, das Schiff hinzufahren nach O-Wahu, und
sich dort einige Zeit aufzuhalten, um das Freundschaftsbündnis mit Teimotu
fester zu knüpfen. Wie klopfte mein Herz vor Freude, da ich glaubte, daß
ich unfehlbar mitgehen würde; wie ein Blitz aus heitrer Luft traf mich aber
der Ausspruch des Gouverneurs, daß Brougthon sich einschiffen solle. Die
Diskovery, zur Expedition nach O-Wahu bestimmt, ist ein mittelmäßiges
Schiff, nicht geeignet, mehr Personen aufzunehmen, als die nötige
Bemannung, um so weniger hoffte ich mit dem Wunsch, Brougthon begleiten zu
dürfen, durchzudringen. Der edle Mensch, mir mit Herz und Gemüt auf das
innigste zugetan, unterstützte indessen jenen Wunsch so kräftig, daß der
Gouverneur ihn bewilligte. Aus der Überschrift des Briefes siehst Du, daß
wir, Brougthon und ich, bereits die Reise angetreten.

O des herrlichen Lebens, das mir bevorsteht! – Mir schwillt die Brust vor
Hoffnung und sehnsüchtigem Verlangen, wenn ich daran denke, wie täglich, ja
stündlich die Natur mir ihre reiche Schatzkammer aufschließen wird, damit
ich dieses, jenes nie erforschte Kleinod mir zueignen, mein nennen kann,
das nie gesehene Wunder!

Ich sehe Dich ironisch lächeln über meinen Enthusiasmus, ich höre Dich
sprechen: »Nun ja, einen ganzen neuen Swammerdamm in der Tasche, wird er
zurückkehren, frage ich ihn aber nach Neigungen, Sitten, Gebräuchen, nach
der Lebensweise jener fremden Völker, die er gesehen, will ich recht
einzelne Details wissen, wie sie in keiner Reisebeschreibung stehen, wie
sie nur von Mund zu Mund nacherzählt werden können, so zeigt er mir ein
paar Mäntel und ein paar Korallenschnüre und vermag sonst nicht viel zu
sagen. Er vergißt über seine Milben, seine Käfer, seine Schmetterlinge, die
Menschen!« –

Ich weiß, Du findest es sonderbar, daß mein Forschungstrieb grade zu dem
Reiche der Insekten sich hingeneigt, und ich kann Dir in der Tat nichts
anderes darauf antworten, als daß die ewige Macht nun grade diese Neigung
so in mein Innerstes hineingewebt hat, daß mein ganzes Ich sich nur in
dieser Neigung zu gestalten vermag. Nicht vorwerfen darfst Du mir aber, daß
ich über diesen Trieb, der Dir seltsam erscheint, die Menschen oder gar
Verwandte, Freunde vernachlässige, vergesse. Niemals werde ich es dahin
bringen, es jenem alten holländischen Obristlieutnant gleichzutun der –
doch um Dich durch den Vergleich, den Du dann zwischen diesem Alten und mir
anstellen mußt, zu entwaffnen, erzähle ich Dir die merkwürdige Historie,
die mir eben in den Sinn kam, ausführlich. – Der alte Obristlieutnant (ich
machte in Königsberg seine Bekanntschaft) war, was Insekten betrifft, der
eifrigste, unermüdetste Naturforscher, den es jemals gegeben haben mag. Die
ganze übrige Welt war für ihn tot, und wodurch er sich der menschlichen
Gesellschaft allein nur kundtat, das war der unausstehlichste lächerlichste
Geiz und die fixe Idee, daß er einmal mittelst eines Weißbrots vergiftet
werden würde. – Irre ich nicht, so heißt dies Weißbrot im Deutschen Semmel.
– Ein solches Brot buck er sich jeden Morgen selbst, nahm es, war er zu
Tische gebeten, mit, und war nicht dahin zu bringen, ein anderes Brot zu
genießen. Als Beweis seines tollen Geizes mag Dir der Umstand genügen, daß
er, seines Alters unerachtet ein rüstiger Mann, Schritt vor Schritt mit
weit von dem Leibe weggestreckten Armen auf den Straßen einherging, damit –
die alte Uniform sich nicht abscheure, sondern fein konserviere! Doch zur
Sache! – Der Alte hatte keinen Verwandten auf der ganzen Erde, als einen
jüngeren Bruder, der in Amsterdam lebte. Dreißig Jahre hatten die Brüder
sich nicht gesehen; da machte der Amsterdamer, von dem Verlangen getrieben,
den Bruder noch einmal wiederzusehen, sich auf den Weg nach Königsberg. –
Er tritt ein in das Zimmer des Alten. – Der Alte sitzt an dem Tische und
betrachtet, das Haupt hinübergebeugt, durch eine Lupe einen kleinen
schwarzen Punkt auf einem weißen Blatt Papier. Der Bruder erhebt ein lautes
Freudengeschrei, er will dem Alten in die Arme stürzen, der aber, ohne das
Auge von dem Punkt zu verwenden, winkt ihn mit der Hand zurück, gebietet
ihm mit einem wiederholten: »St – St – St –« Stillschweigen. »Bruder«, ruft
der Amsterdamer, »Bruder, was hast du vor! – Georg ist da, dein Bruder ist
da, aus Amsterdam hergereiset, um dich, den er seit dreißig Jahren nicht
sah, noch wiederzusehen in diesem Leben!« – Aber unbeweglich bleibt der
Alte und lispelt: »St – St – St – Tierchen stirbt!« – Nun bemerkt der
Amsterdamer erst, daß der schwarze Punkt ein kleines Würmchen ist, das sich
in den Konvulsionen des Todes krümmt und windet. Der Amsterdamer ehrt die
Leidenschaft des Bruders, setzt sich still neben ihm hin. Als nun aber eine
Stunde vergeht, während der Alte auch nicht mit einem Blick sich um den
Bruder kümmert, springt dieser ungeduldig auf, verläßt mit einem derben
holländischen Fluch das Zimmer, setzt sich auf zur Stelle und kehrt zurück
nach Amsterdam, ohne daß der Alte von allem auch nur die mindeste Notiz
nimmt! – Frage Dich selbst, Eduard, ob ich, trätest Du plötzlich hinein in
meine Kajüte und fändest mich vertieft in die Betrachtung irgendeines
merkwürdigen Insekts, ob ich dann das Insekt unbeweglich anschauen, oder
Dir in die Arme stürzen würde?

Du magst, mein lieber Freund, denn auch daran denken, daß das Reich der
Insekten gerade das wunderbarste, geheimnisvollste in der Natur ist. Hat es
mein Freund Brougthon mit der Pflanzen- und mit der vollkommen
ausgebildeten Tierwelt zu tun, so bin ich angesiedelt in der Heimat der
seltsamen, oft unerforschlichen Wesen, die den Übergang, die Verknüpfung
zwischen beiden bilden. – Doch! – ich höre auf, um Dich nicht zu ermüden
und setze nur noch, um Dich, um Dein poetisches Gemüt ganz zu
beschwichtigen, ganz mit mir auszusöhnen, hinzu, daß ein deutscher
geistreicher Dichter die in den schönsten Farbenschmelz geputzten Insekten
frei gewordene Blumen nennt. Erlabe Dich an diesem schönen Bilde! –

Und eigentlich – warum sagt ich so viel, um meine Neigung zu rechtfertigen?
Geschah es nicht, um mich selbst zu überreden, daß mich bloß der allgemeine
Drang des Forschens unwiderstehlich nach ...
Page: 1
 

Help

  • Select one or more words and get availables translations in Logos Dictionary.
  • Set the number of words for each page and refresh the content.
  • Go to the beginning of the document
  • Go to previous page
  • Go to next page
  • Go to the end of document
  • Libri.it

    Libri.it EDMONDO E LA CACCA MISTERIOSALA FAMIGLIA VOLPITASSI RACCONTA – LE EMOZIONIPILOURSINE VA A PESCALUPO
  • Illustrati

    Sfoglia riviste di Illustrati
  • Evelio R. Mora