Title: Die Geheimnisse

Author:HOFFMANN E.T.A.
Subject:GERMAN FICTION
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Die Geheimnisse

Fortsetzung des Fragments aus dem Leben eines Phantasten:
DieIrrungen



Merkwürdige Korrespondenz des Autors mit verschiedenen Personen
(als Einleitung)


Mein Herr! Unerachtet gewisse Schriftsteller und sogenannte Dichter
wegen ihres nicht leicht zu unterdrückenden Hanges zur groben
Lüge und anderer der gesundesten Vernunft schädlicher
Phantasterei nicht in dem besten Rufe stehen, so habe ich doch
Sie, der Sie ein öffentliches Amt bekleiden, mithin wirklich
etwas sind, ausnahmsweise für einen wackern gutmütigen
Mann gehalten. Kaum in Berlin angekommen, mußte ich mich
aber leider vom Gegenteil überzeugen. Womit habe ich alter
schlichter, einfacher Mann, ich ruhmvoll entlassener Kanzleiassistent,
ich Mann von feinem Verstande, humanen Sitten, großer Wissenschaft,
ich Ausbund von gutem Herzen und schöner Denkungsart, womit,
sage ich, habe ich es um Sie verdient, daß Sie mich dem
verehrungswürdigen Publikum in Berlin zur Schau stellen und
in dem Taschenkalender von diesem Jahr nicht allein alles erzählen,
was sich mit dem Herrn Baron Theodor vonS., meiner fürstlichen
Pflegebefohlnen und mir begeben, sondern mich noch dazu (ich habe
alles erfahren) abkonterfeien lassen nach dem natürlichen
Leben und in Kupfer stechen, wie ich lustwandle mit meinem Herzenskinde
über den Pariser Platz durch die Linden und wie ich dann
im Bette liege in zierlichen Nachtkleidern und mich erschrecke
über des Herrn Barons unvermuteten Besuch. Ist Ihnen vielleicht
mein elektrophorischer Haarzopf, worin zugleich mein Reisebesteck
befindlich, in die Quere gekommen? Hat Ihnen mein Blumenstrauß
mißfallen? Haben Sie etwas dagegen, daß das Pupillen-Kollegium
auf Zypern mich zum Vormunde der ja! nun denken Sie, ich werde
den Namen der Schönsten geradezu hinschreiben, damit Sie
ihn auch ausschreien können in Taschenbüchern und Journalen.
Das lasse ich aber bleiben, sondern frage bloß im allgemeinen,
ob Sie vielleicht mit der Verfügung jenes zyprischen Kollegiums
unzufrieden sind? Sein Sie überzeugt, mein Herr, daß
bei Ihrem unnützen Treiben in Schriftstellerei und Musik
weder der Präsident noch irgendein Rat des hiesigen oder
irgendeines andern Pupillen-Kollegii Ihnen das Vertrauen geschenkt
und Sie zum Vormunde eines zum Entzücken schönen, geistreichen
Frauenzimmers bestellt haben würde, wie es jenes ehrwürdige
Kollegium getan hat. Und überhaupt, wollen Sie auch hier
in der Stadt was vorstellen, und mögen Sie auch manches ganz
artig zu verfügen verstehen, vermöge Ihres Amts, so
haben Sie sich doch darum, was in Zypern verfügt worden,
ebensowenig zu bekümmern als um meine wächserne Finger
und um meine Spitzenhaube, die Sie wahrscheinlich auf Herrn Wolfs
Kupfertafel betrachten mit neidischen Blicken. Danken Sie Gott,
mein Herr! daß Sie nicht, so wie ich, eintreten wollten
in die Ottomanische Pforte, gerade als sie zugeschlagen wurde.
Wahrscheinlich hätten Sie, vermöge des gewöhnlichen
Schriftstellervorwitzes, nicht die Finger hineingestreckt, sondern
die Nase und müßten jetzt, statt daß Sie andern
honetten Leuten wächserne Nasen zu drehen unternehmen, selbst
eine dergleichen tragen. Daß Sie einer zierlichen Morgenkleidung
von weißem, mit Rosaschleifen besetzten Musselin und einer
Spitzenhaube einen Warschauer Schlafrock und ein rotes Käppchen
vorziehen, ist Sache des Geschmacks, und will ich nicht mit Ihnen
darüber rechten. Und wissen Sie wohl, mein Herr! daß
mir Ihre leichtsinnige Ausplauderei im Taschenkalender, gleich
nachdem in den Intelligenzblättern unter den angekommenen
Fremden mein Name gestanden hatte, die allergrößten
Unannehmlichkeiten zuzog? Die Polizei hielt mich, mußte
mich nach Ihrem Gewäsche, oder vielmehr, da Sie die Geheimnisse
meines Herzenskindes austrompetet, für denjenigen Frevler
halten, der den melonenleibichten Apollo im Tiergarten und auch
wohl andere Statuen verunstaltet hat, und es kostete viel Mühe,
mich zu rechtfertigen und darzutun, daß ich ein enthusiastischer
Kunstfreund sei und nichts weniger als ein verstellter abergläubischer
Türke. Sie sind selbst ein Rechtskundiger und haben nicht
einmal bedacht, daß mich die verwünschte Apollosnase
hätte als Staatsverbrecher nach Spandau bringen oder mir
gar eine Tracht der unbilligsten Prügel zuziehen können,
wenn nicht, was letzteres betrifft, von der gütigen Natur
mein Rücken durch ein geschickt angelegtes Bollwerk auf ewig
gegen alle Prügel bewahrt wäre. Lesen Sie im zwanzigsten
Titel des Zweiten Teils vom Allgemeinen Landrecht
die §210,211 nach und schämen Sie sich, daß
ein verabschiedeter Kanzleiassistent aus Brandenburg Sie daran
erinnern muß. Kaum der Untersuchung und Strafe entronnen,
wurde ich in meiner Wohnung, die man unglücklicherweise erfahren,
auf eine solch entsetzliche Art bestürmt, daß ich wahnsinnig
werden, verzweifeln müssen, wäre ich nicht ein fester
gesetzter Mann und durch meine vielfachen gefahrvollen Reisen
hinlänglich gewöhnt an bedrohliches Ungemach. Da kamen
Frauenzimmer und verlangten, gewohnt, alles prompt und wohlfeil
zu haben, eben daher aber eifrige und stetige Käuferinnen
der prächtigen Modewaren in Auktionen ihre Laden räumender
Kaufleute, ich solle ihnen auf der Stelle türkische Shawls
drucken. Am ärgsten unter ihnen trieb es Mademoiselle Amalie
Simson, welche nicht nachließ mit Bitten und Flehen, ich
möge ihr doch auf den Brustteil eines Spenzers von rotem
Kasimir ein hebräisches Sonett, das sie selbst gedichtet,
hinsetzen mit Goldtinktur. Andere Leute aus den verschiedensten
Ständen wollten bald meine Wachsfinger anschauen, bald mit
meinem Haarzopf spielen, bald meinen Papagei Griechisch sprechen
hören.

Junge Herren mit Wespentaillen, turmhohen Hüten, Kosakenhosen
und goldnen Sporen lorgnettierten umher, kuckten durch Ferngläser,
als wollten sie die Wände durchschauen. Ich weiß, wen
sie suchten, und manche hatten auch dessen gar kein Hehl, sondern
fragten kecker unverschämterweise geradezu nach der schönen
Griechin, als sei mein himmlisches Fürstenkind ein wunderbares
Naturspiel, das ich der gaffenden Menge ausstelle. Widerlich,
gar widerlich erschienen mir diese jungen Leute, aber noch viel
abscheulicher war es mir, wenn manche sich mir geheimnisvoll nahten
und mystische Worte sprachen von Magnetismus, Siderismus, magischen
Verknüpfungen durch Sympathie und Antipathie und so weiter,
und dabei wunderliche Gebärden und Zeichen machten, um sich
mir als Eingeweihte zu zeigen, ob ich gleich gar nicht verstand,
was sie wollten. Lieber waren mir die, welche ganz treuherzig
verlangten, ich solle ihnen ein bißchen wahrsagen aus der
Hand oder aus dem Kaffeegrunde. Es war ein heilloses Treiben,
ein wahrer Teufelssabbat in dem Hause. Endlich gelang es mir,
bei Nacht und Nebel mich davonzumachen und eine Wohnung zu beziehen,
die bequemer, besser eingerichtet ist und auch den Wünschen
meiner Fürstin mehr entspricht entsprechen würde,
wollt ich sagen, denn ich befinde mich jetzt allein. Mein jetziges
Logis erfährt niemand und am allerwenigsten Sie, da
ich Ihnen durchaus nichts Gutes zutraue.

Und wer ist einzig und allein an dem ganzen Spektakel schuld als
Sie? Wie kommen Sie dazu, mich dem Publikum so zweideutig darzustellen,
daß ich für einen unheimlichen Kabbalisten gelten muß,
der mit irgendeinem geheimnisvollen Wesen in seltsamer Verbindung
lebt.

Ein ehrlicher verabschiedeter Kanzleiassistent soll ein Hexenmeister
sein, welch ein Unsinn! Was geht Ihnen, mein Herr! überhaupt
das magische Verhältnis an, in dem ich mit meinem Herzenskinde
stehe, mag es nun wirklich stattfinden oder nicht? Mögen
Sie auch Talent genug besitzen, zur Not eine Erzählung oder
einen Roman mit angestrengter Mühe zusammenzudrechseln, so
fehlt es Ihnen doch so gänzlich an gehörigem tiefem
Verstande und sublimer Wissenschaft, um auch nur eine Silbe zu
verstehen, wenn ich mich herablassen sollte, Sie über die
Geheimnisse eines Bundes zu belehren, der dem Ersten aller Magier,
dem weisen Zoroaster selbst, nicht unwürdig erscheinen möchte.
Es ist nichts Leichtes, mein Herr! so wie ich einzudringen in
die tiefsten Tiefen der göttlichen Kabbala, aus denen sich
schon hienieden ein höheres Sein emporschwingt, so wie aus
der Puppe sich der schöne Schmetterling entwickelt und mutig
flatternd emporsteigt. Es ist aber meine erste Pflicht, niemanden
meine kabbalistischen Kenntnisse und Verbindungen zu verraten,
und daher schweige ich auch gegen Sie davon, so daß Sie
mich von nun an lediglich für einen schlichten verabschiedeten
Kanzleiassistenten und wackern Vormund eines liebenswürdigen
vornehmen Frauenzimmers halten müssen. Sehr unlieb und schmerzhaft
wird es mir auch sein, wenn Sie oder jemand anders erfahren sollte,
daß ich jetzt in der Friedrichsstraße unweit der Weidendammer
Brücke Nr.9 wohne. Habe ich Ihnen, mein Herr! gebührend
vorgehalten, wie Sie sich, wenn auch nicht gerade boshafter-,
so doch leichtsinnigerweise vergangen, so füge ich nur noch
die Versicherung hinzu, daß ich das Gegenteil von Ihnen
bin, nämlich ein besonnener, gutmütiger, alles, was
zu unternehmen, vorher wohl überlegender Mann. Sie sind daher
für jetzt vor meiner Rache völlig sicher, und das um
so mehr, weil mir eben keine Mittel zu Gebote stehen. Wäre
ich ein Rezensent, so würde ich Ihre Schriften weidlich herunterhunzen
und dem Publikum so klar dartun, wie es Ihnen an allen Eigenschaften
eines guten Schriftstellers mangle, daß kein Leser etwas
von Ihnen mehr lesen, kein Verleger es mehr verlegen sollte. Aber
da wär''s denn doch nötig, erst Ihre Schriften zu lesen,
und davor soll mich der Himmel behüten, da nichts als bare
Ungereimtheiten, die gröbsten Lügen darin enthalten
sein sollen. Überdem wüßte ich auch nicht, wie
ich, die ehrlichste Taubenseele von der Welt, zu der gehörigen
Masse von Galle kommen sollte, die jeder tüchtige Rezensent
zum Verbrauch stets vorrätig haben muß. Wäre
ich, wie Sie es haben dem Publikum andeuten wollen, wirklich eine
Art von Magus, so sollt es freilich anders stehen mit meiner Rache.
Darum für jetzt Verzeihung, Vergessen des zutage geförderten
Unsinns über mich und meine Pflegebefohlne. Sollten Sie sich
aber unterfangen, etwa in dem künftigen Taschenkalender auch
nur ein Wörtchen von dem zu erwähnen, was sich weiter
mit dem Baron Theodor vonS. und uns begeben, so bin ich fest
entschlossen, mich, mag ich nun ...
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