Title: Des Vetters Eckfenster

Author:HOFFMANN E.T.A.
Subject:GERMAN FICTION
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E. T. A. Hoffmann: Des Vetters Eckfenster / 1E. T. A. Hoffmann
Des Vetters Eckfenster
Erzählung

Meinen armen Vetter trifft gleiches Schicksal mit dem bekannten Scarron. So wie dieser hat mein
Vetter durch eine hartnäckige Krankheit den Gebrauch seiner Füße gänzlich
verloren, und es tut not, daß er sich, mit Hilfe standhafter Krücken und des nervichten
Arms eines grämlichen Invaliden, der nach Belieben den Krankenwärter macht, aus dem Bette
in den mit Kissen bepackten Lehnstuhl, und aus dem Lehnstuhl in das Bette schrotet. Aber noch eine
Ähnlichkeit trägt mein Vetter mit jenem Franzosen, den eine besondere, aus dem
gewöhnlichen Gleise des französischen Witzes ausweichende Art des Humors trotz der
Sparsamkeit seiner Erzeugnisse in der französischen Literatur feststellte. So wie Scarron
schriftstellert mein Vetter; so wie Scarron ist er mit besonderer lebendiger Laune begabt und
treibt wunderlichen humoristischen Scherz auf seine eigne Weise. Doch zum Ruhme des deutschen
Schriftstellers sei es bemerkt, daß er niemals für nötig achtete, seine kleinen
pikanten Schüsseln mit Asa fötida zu würzen, um die Gaumen seiner deutschen Leser,
die dergleichen nicht wohl vertragen, zu kitzeln. Es genügt ihm das edle Gewürz, welches,
indem es reizt, auch stärkt. Die Leute lesen gerne, was er schreibt; es soll gut sein und
ergötzlich; ich verstehe mich nicht darauf. Mich erlabte sonst des Vetters Unterhaltung, und
es schien mir gemütlicher, ihn zu hören, als ihn zu lesen. Doch eben dieser unbesiegbare
Hang zur Schriftstellerei hat schwarzes Unheil über meinen armen Vetter gebracht; die
schwerste Krankheit vermochte nicht den raschen Rädergang der Phantasie zu hemmen, der in
seinem Innern fortarbeitete, stets Neues und Neues erzeugend. So kam es, daß er mir allerlei
anmutige Geschichten erzählte, die er, des mannigfachen Wehs, das er duldete, unerachtet,
ersonnen. Aber den Weg, den der Gedanke verfolgen mußte, um auf dem Papiere gestaltet zu
erscheinen, hatte der böse Dämon der Krankheit versperrt. Sowie mein Vetter etwas
aufschreiben wollte, versagten ihm nicht allein die Finger den Dienst, sondern der Gedanke selbst
war verstoben und verflogen. Darüber verfiel mein Vetter in die schwärzeste Melancholie.
Vetter! sprach er eines Tages zu mir, mit einem Ton, der mich erschreckte,
Vetter, mit mir ist es aus! Ich komme mir vor wie jener alte, vom Wahnsinn zerrüttete
Maler, der tagelang vor einer in den Rahmen gespannten grundierten Leinewand saß und allen,
die zu ihm kamen, die mannigfachen Schönheiten des reichen, herrlichen Gemäldes anpries,
das er soeben vollendet; ich geb''s auf, das wirkende, schaffende Leben, welches, zur
äußern Form gestaltet, aus mir selbst hinaustritt, sich mit der Welt befreundend!
Mein Geist zieht sich in seine Klause zurück! Seit der Zeit ließ sich mein Vetter
weder vor mir, noch vor irgendeinem andern Menschen sehen. Der alte grämliche Invalide wies
uns murrend und keifend von der Türe weg wie ein beißiger Haushund.

Es ist nötig zu sagen, daß mein Vetter ziemlich hoch in kleinen niedrigen Zimmern wohnt.
Das ist nun Schriftsteller- und Dichtersitte. Was tut die niedrige Stubendecke? Die Phantasie
fliegt empor und baut sich ein hohes, lustiges Gewölbe bis in den blauen glänzenden
Himmel hinein. So ist des Dichters enges Gemach, wie jener zwischen vier Mauern eingeschlossene,
zehn Fuß ins Gevierte große Garten, zwar nicht breit und lang, hat aber stets eine
schöne Höhe. Dabei liegt aber meines Vetters Logis in dem schönsten Teile der
Hauptstadt, nämlich auf dem großen Markte, der von Prachtgebäuden umschlossen ist
und in dessen Mitte das kolossal und genial gedachte Theatergebäude prangt. Es ist ein
Eckhaus, was mein Vetter bewohnt, und aus dem Fenster eines kleinen Kabinetts übersieht er mit
einem Blick das ganze Panorama des grandiosen Platzes.

Es war gerade Markttag, als ich, mich durch das Volksgewühl durchdringend, die Straße
hinab kam, wo man schon aus weiter Ferne meines Vetters Eckfenster erblickt. Nicht wenig erstaunte
ich, als mir aus diesem Fenster das wohlbekannte rote Mützchen entgegenleuchtete, welches mein
Vetter in guten Tagen zu tragen pflegte. Noch mehr! Als ich näher kam, gewahrte ich, daß
mein Vetter seinen stattlichen Warschauer Schlafrock angelegt und aus der türkischen
Sonntagspfeife Tabak rauchte. Ich winkte ihm zu, ich wehte mit dem Schnupftuch hinauf; es
gelang mir, seine Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen, er nickte freundlich. Was für Hoffnungen!
Mit Blitzesschnelle eilte ich die Treppe hinauf. Der Invalide öffnete die Türe;
sein Gesicht, das sonst, runzlicht und faltig, einem naßgewordenen Handschuh glich, hatte
wirklich einiger Sonnenschein zur passabeln Fratze ausgeglättet. Er meinte, der Herr
säße im Lehnstuhl und sei zu sprechen. Das Zimmer war reingemacht und an dem Bettschirm
ein Bogen Papier befestigt, auf dem mit großen Buchstaben die Worte standen:

Et si male nunc, non olim sic erit.

Alles deutete auf wiedergekehrte Hoffnung, auf neuerweckte Lebenskraft. Ei,
rief mir der Vetter entgegen, als ich in das Kabinett trat, ei, kommst du endlich, Vetter;
weißt du wohl, daß ich rechte Sehnsucht nach dir empfunden? Denn unerachtet du den
Henker was nach meinen unsterblichen Werken frägst, so habe ich dich doch lieb, weil du ein
munterer Geist bist und amüsable, wenn auch gerade nicht amüsant.

Ich fühlte, daß mir bei dem Kompliment meines aufrichtigen Vetters das Blut ins Gesicht
stieg.

Du glaubst, fuhr der Vetter fort, ohne auf meine Bewegung zu achten, du
glaubst mich gewiß in voller Besserung oder gar von meinem Übel hergestellt. Dem ist
beileibe nicht so. Meine Beine sind durchaus ungetreue Vasallen, die dem Haupt des Herrschers
abtrünnig geworden und mit meinem übrigen werten Leichnam nichts mehr zu schaffen haben
wollen. Das heißt, ich kann mich nicht aus der Stelle rühren und karre mich in diesem
Räderstuhl hin und her auf anmutige Weise, wozu mein alter Invalide die melodiösesten
Märsche aus seinen Kriegsjahren pfeift. Aber dies Fenster ist mein Trost, hier ist mir das
bunte Leben aufs neue aufgegangen, und ich fühle mich befreundet mit seinem niemals rastenden
Treiben. Komm, Vetter, schau hinaus!

Ich setzte mich, dem Vetter gegenüber, auf ein kleines Taburett, das gerade noch im
Fensterraum Platz hatte. Der Anblick war in der Tat seltsam und überraschend. Der ganze Markt
schien eine einzige, dicht zusammengedrängte Volksmasse, so daß man glauben mußte,
ein dazwischengeworfener Apfel könne niemals zur Erde gelangen. Die verschiedensten Farben
glänzten im Sonnenschein, und zwar in ganz kleinen Flecken, auf mich machte dies den Eindruck
eines großen, vom Winde bewegten, hin und her wogenden Tulpenbeets, und ich mußte mir
gestehen, daß der Anblick zwar recht artig, aber auf die Länge ermüdend sei, ja
wohl gar aufgereizten Personen einen kleinen Schwindel verursachen könne, der dem nicht
unangenehmen Delirieren des nahenden Traums gliche; darin suchte ich das Vergnügen, das das
Eckfenster dem Vetter gewähre, und äußerte ihm dieses ganz unverhohlen.

Der Vetter schlug aber die Hände über den Kopf zusammen, und es entspann sich zwischen
uns folgendes Gespräch.



Der Vetter. Vetter, Vetter! nun sehe ich wohl, daß auch nicht das kleinste
Fünkchen von Schriftstellertalent in dir glüht. Das erste Erfordernis fehlt dir dazu, um
jemals in die Fußstapfen deines würdigen lahmen Vetters zu treten; nämlich ein
Auge, welches wirklich schaut. Jener Markt bietet dir nichts dar als den Anblick eines
scheckichten, sinnverwirrenden Gewühls des in bedeutungsloser Tätigkeit bewegten Volks.
Hoho, mein Freund, mir entwickelt sich daraus die mannigfachste Szenerie des bürgerlichen
Lebens, und mein Geist, ein wackerer Callot oder moderner Chodowiecki, entwirft eine Skizze nach
der andern, deren Umrisse oft keck genug sind. Auf, Vetter! ich will sehen, ob ich dir nicht
wenigstens die Primizien der Kunst zu schauen beibringen kann. Sieh einmal gerade vor dich herab in
die Straße; hier hast du mein Glas, bemerkst du wohl die etwas fremdartig gekleidete Person
mit dem großen Marktkorbe am Arm, die, mit einem Bürstenbinder in tiefem Gespräch
begriffen, ganz geschwinde andere Domestika abzumachen scheint, als die des Leibes Nahrung
betreffen?

Ich. Ich habe sie gefaßt. Sie hat ein grell zitronenfarbiges Tuch nach
französischer Art turbanähnlich um den Kopf gewunden, und ihr Gesicht sowie ihr ganzes
Wesen zeigt deutlich die Französin. Wahrscheinlich eine Restantin aus dem letzten Kriege, die
ihr Schäfchen hier ins trockne gebracht.

Der Vetter. Nicht übel geraten. Ich wette, der Mann verdankt irgendeinem Zweige
französischer Industrie ein hübsches Auskommen, so daß seine Frau ihren Marktkorb
mit ganz guten Dingen reichlich füllen kann. Jetzt stürzt sie sich ins Gewühl.
Versuche, Vetter, ob du ihren Lauf in den verschiedensten Krümmungen verfolgen kannst, ohne
sie aus dem Auge zu verlieren; das gelbe Tuch leuchtet dir vor.

Ich. Ei, wie der brennende gelbe Punkt die Masse durchschneidet. Jetzt ist sie schon der
Kirche nah jetzt feilscht sie um etwas bei den Buden jetzt ist sie fort
oweh! ich habe sie verloren nein, dort am Ende duckt sie wieder auf dort bei
dem Geflügel sie ergreift eine getupfte Gans sie betastet sie mit kennerischen
Fingern.

Der Vetter. Gut, Vetter, das Fixieren des Blicks erzeugt das deutliche Schauen. Doch statt
dich auf langweilige Weise in einer Kunst unterrichten zu wollen, die kaum zu erlernen, laß
mich lieber dich auf allerlei Ergötzliches aufmerksam machen, welches sich vor unsern Augen
auftut. Bemerkst du wohl jenes Frauenzimmer, die sich an der Ecke dort, unerachtet das
Gedränge gar nicht zu groß, mit beiden spitzen Ellenbogen Platz macht?

Ich. Was für eine tolle Figur ein seidner Hut, der in kapriziöser
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