Title: Don Juan

Author:HOFFMANN E.T.A.
Subject:GERMAN FICTION
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Don Juan

E. T. A. Hoffmann

Eine fabelhafte Begebenheit, die sich mit einem reisenden Enthusiasten
zugetragen

Ein durchdringendes Läuten, der gellende Ruf: "Das Theater fängt an!"
weckte mich aus dem sanften Schlaf, in den ich versunken war; Bässe brummen
durcheinander - ein Paukenschlag - Trompetenstöße - ein in klares A, von
der Hoboe ausgehalten - Violinen stimmen ein: ich reibe mir die Augen.
Sollte der allezeit geschäftige Satan mich im Rausche -? Nein! ich befinde
mich in dem Zimmer des Hotels, wo ich gestern abend halb gerädert
abgestiegen. Gerade über meiner Nase hängt die stattliche Troddel der
Klingelschnur; ich ziehe sie heftig an, der Kellner erscheint.

"Aber was ums Himmelswillen soll die konfuse Musik da neben mir bedeuten?
gibt es denn ein Konzert hier im Hause?"

"Ew. Exzellenz" - (ich hatte mittags an der Wirtstafel Champagner
getrunken) "Ew. Exzellenz wissen vielleicht noch nicht, daß dieses Hotel
mit dem Theater verbunden ist. Diese Tapetentür führt auf einen kleinen
Korridor, von dem Sie unmittelbar in Nr. 23 treten: das ist die
Fremdenloge."

"Was? - Theater? - Fremdenloge?"

"Ja, die kleine Fremdenloge zu zwei, höchstens drei Personen - nur so für
vornehme Herren, ganz grün tapeziert, mit Gitterfenstern, dicht beim
Theater! Wenn''s Ew. Exzellenz gefällig ist - wir führen heute den ''Don
Juan'' von dem berühmten Herrn Mozart aus Wien auf. Das Legegeld, einen
Taler acht Groschen, stellen wir in Rechnung."

Das letzte sagte er, schon die Logentür aufdrückend, so rasch war ich bei
dem Worte Don Juan durch die Tapetentür in den Korridor geschnitten. Das
Haus war für den mittelmäßigen Ort geräumig, geschmackvoll verziert und
glänzend erleuchtet. Logen und Parterre waren gedrängt voll. Die ersten
Akkorde der Ouvertüre überzeugten mich, daß ein ganz vortreffliches
Orchester, sollten die Sänger auch nur im mindesten etwas leisten, mir den
herrlichsten Genuß des Meisterwerks verschaffen würde. - In dem Andante
ergriffen mich die Schauer des furchtbaren, unterirdischen regno all
pianto; grausenerregende Ahnungen des Entsetzlichen erfüllten mein Gemüt.
Wie ein jauchzender Frevel klang mir die jubelnde Fanfare im siebenten
Takte des Allegro; ich sah aus tiefer Nacht feurige Dämonen ihre glühenden
Krallen ausstrecken - nach dem Leben froher Menschen, die auf des
bodenlosen Abgrunds dünner Decke lustig tanzten. Der Konflikt der
menschlichen Natur mit den unbekannten, gräßlichen Mächten, die ihn, sein
Verderben erlauernd, umfangen, trat klar vor meines Geistes Augen. Endlich
beruhigt sich der Sturm; der Vorhang fliegt auf. Frostig und unmutvoll in
seinen Mantel gehüllt, schreitet Leporello in finstrer Nacht vor dem
Pavillon einher "Notte e giorno faticar". - Also italienisch? - Hier am
deutschen Orte italienisch? Ah che piacere! ich werde alle Rezitative,
alles so hören, wie es der große Meister in seinem Gemüt empfing und
dachte! Da stürzt Don Juan heraus; hinter ihm Donna Anna, bei dem Mantel
den Frevler festhaltend. Welches Ansehn! Sie könnte höher, schlanker
gewachsen, majestätischer im Gange sein: aber welch ein Kopf! - Augen, aus
denen Liebe, Zorn, Haß, Verzweiflung, wie aus einem Brennpunkt eine
Strahlenpyramide blitzender Funken werfen, die wie griechisches Feuer
unauslöschlich das Innerste durchbrennen! Des dunklen Haares aufgelöste
Flechten wallen in Wellenringeln den Nacken hinab. Das weiße Nachtkleid
enthüllt verräterisch nie gefahrlos belauschte Reize. Von der entsetzlichen
Tat umkrallt, zuckt das Herz in gewaltsamen Schlägen. - - Und nun - welche
Stimme! "Non sperar se non m''uccidi." - Durch den Sturm der Instrumente
leuchten wie glühende Blitze die aus ätherischem Metall gegossenen Töne! Vergebens sucht sich Don Juan loszureißen. - Will er es denn? Warum stößt
er nicht mit kräftiger Faust das Weib zurück und entflieht? Macht ihn die
böse Tat kraftlos, oder ist es der Kampf von Haß und Liebe im Innern, der
ihm Mut und Stärke raubt? - Der alte Papa hat seine Torheit, im Finstern
den kräftigen Gegner anzufallen, mit dem Leben gebüßt; Don Juan und
Leporello treten im rezitierenden Gespräch weiter vor ins Proszenium. Don
Juan wickelt sich aus dem Mantel und steht da in rotem, gerissenen Sammet
mit silberner Stickerei, prächtig gekleidet. Eine kräftige, herrliche
Gestalt. das Gesicht ist männlich schön; eine erhabene Nase, durchbohrende
Augen, weichgeformte Lippen; das sonderbare Spiel eines Stirnmuskels über
den Augenbrauen bringt sekundenlang etwas vom Mephistopheles in die
Physiognomie, das, ohne dem Gesicht die Schönheit zu rauben, einen
unwillkürlichen Schauer erregt. Es ist, als könne er die magische Kunst der
Klapperschlange üben; es ist, als könnten die Weiber, von ihm angeblickt,
nicht mehr von ihm lassen und müßten, von der unheimlichen Gewalt gepackt,
selbst ihr Verderben vollenden. - Lang und dürr, in rot- und
weißgestreifter Weste, kleinem roten Mantel, weißem Hut mit roter Feder,
trippelt Leporello um ihn her. Die Züge seines Gesichts mischen sich
seltsam zu dem Ausdruck von Gutherzigkeit, Schelmerei, Lüsternheit und
ironisierender Frechheit; gegen das grauliche Kopf- und Barthaar stechen
seltsam die schwarzen Augenbrauen ab. Man merkt es, der alte Bursche
verdient, Don Juans helfender Diener zu sein. - Glücklich sind sie über die
Mauer geflüchtet. - Fackeln - Donna Anna und Don Ottavio erscheinen: ein
zierliches, geputztes, gelecktes Männlein von einundzwanzig Jahren
höchstens. Als Annas Bräutigam wohnte er, da man ihn so schnell herbeirufen
konnte, wahrscheinlich im Hause; auf den ersten Lärm, den er gewiß hörte,
hätte er herbeieilen und den Vater retten können: er mußte sich aber erst
putzen und mochte überhaupt nachts nicht gern sich herauswagen. - "Ma qual
mai s''offre, o dei, spettacolo funesto agli occhi miei!" Mehr als
Verzweiflung über den grausamsten Frevel liegt in den entsetzlichen,
herzzerschneidenden Tönen dieses Rezitativs und Duetts. Don Juans
gewaltsames Attentat, das ihm Verderben nur drohte, dem Vater aber den Tod
gab, ist es nicht allein, was diese Töne der beängsteten Brust entreißt:
nur ein verderblicher, tötender Kampf im Innern kann sie hervorbringen.
Eben schalt die lange, hagere Donna Elvira, mit sichtlichen Spuren großer,
aber verblühter Schönheit, den Verräter, Don Juan: "Tu nido d''inganni", und
der mitleidige Leporello bemerkte ganz klug: "Parla come un libro
stampato", als ich jemand neben oder hinter mir zu bemerken glaubte. Leicht
konnte man die Logentür hinter mir geöffnet haben und hineingeschlüpft sein
- das fuhr mir wie ein Stich durchs Herz. Ich war so glücklich, mich allein
in der Loge zu befinden, um ganz ungestört das so vollkommen dargestellte
Meisterwerk mit allen Empfindungsfasern, wie mit Polypenarmen, zu
umklammern und in mein Selbst hineinzuziehn! Ein einziges Wort, das
obendrein albern sein konnte, hätte mich auf eine schmerzhafte Weise
herausgerissen aus dem herrlichen Moment der poetisch-musikalischen
Begeisterung! Ich beschloß, von meinem Nachbar gar keine Notiz zu nehmen,
sondern, ganz in die Darstellung vertieft, jedes Wort, jeden Blick zu
vermeiden. Den Kopf in die Hand gestützt, dem Nachbar den Rücken wendend,
schauete ich hinaus. - Der Gang der Darstellung entsprach dem
vortrefflichen Anfange. Die kleine, lüsterne, verliebte Zerlina tröstete
mit gar lieblichen Tönen und Weisen den gutmütigen Tölpel Masetto. Don Juan
sprach sein inneres, zerrissenes Wesen, den Hohn über die Menschlein um ihn
her, nur aufgestellt zu seiner Lust, in ihr mattliches Tun und Treiben
verderbend einzugreifen, in der wilden Arie: "Fin ch''han dal vino" - ganz
unverhohlen aus. Gewaltiger als bisher zuckte hier der Stirnmuskel. - die
Masken erscheinen. Ihr Terzett ist ein Gebet, das in rein glänzenden
Strahlen zum Himmel steigt. - Nun fliegt der Mittelvorhang auf. Da geht es
lustig her; Becher erklingen, in fröhlichem Gewühl wälzen sich die Bauern
und allerlei Masken umher, die Don Juans Fest herbeigelockt hat. - Jetzt
kommen die drei zur Rache Verschwornen. Alles wird feierlicher, bis der
Tanz angeht. Zerlina wird gerettet, und in dem gewaltig donnernden Finale
tritt mutig Don Juan mit gezogenem Schwert seinen Feinden entgegen. Er
schlägt dem Bräutigam den stählernen Galanteriedegen aus der Hand und bahnt
sich durch das gemeine Gesindel, das er, wie der tapfere Roland die Armee
des Tyrannen Cymork, durcheinanderwirft, daß alles gar possierlich
übereinanderpurzelt, den Weg ins Freie.
Schon oft glaubte ich dicht hinter mir einen zarten, warmen Hauch gefühlt,
das Knistern eines seidenen Gewandes gehört zu haben: das ließ mich wohl
die Gegenwart eines Frauenzimmers ahnen, aber ganz versunken in die
poetische Welt, die mir die Oper aufschloß, achtete ich nicht darauf.
Jetzt, da der Vorhang gefallen war, schauete ich nach meiner Nachbarin. Nein - keine Worte drücken mein Erstaunen aus: Donna Anna, ganz in dem
Kostüme, wie ich sie eben auf dem Theater gesehen, stand hinter mir und
richtete auf mich den durchdringenden Blick ihres seelenvollen Auges. Ganz sprachlos starrte ich sie an; ihr Mund (so schien es mir) verzog sich
zu einem leisen ironischen Lächeln, in dem ich mich spiegelte und meine
alberne Figur erblickte. Ich fühlte die Notwendigkeit, sie anzureden, und
konnte doch die durch das Erstaunen, ja ich möchte sagen, wie durch den
Schreck gelähmte Zunge nicht bewegen. Endlich, endlich fuhren mir beinahe
unwillkürlich die Worte heraus: "Wie ist es möglich, Sie hier zu sehen?"
worauf sie sogleich in dem reinsten Toskanisch erwiderte, daß, verstände
und spräche ich nicht Italienisch, sie das Vergnügen meiner Unterhaltung
entbehren müsse, indem sie keine andere als nur diese Sprache rede. - Wie
Gesang lauteten die süßen Worte. Im Sprechen erhöhte sich der Ausdruck des
dunkelblauen Auges, und jeder daraus leuchtende Blitz goß einen Glutstrom
in mein Inneres, von dem alle Pulse stärker schlugen und alle Fibern
erzuckten. - Es war Donna Anna unbezweifelt. Die Möglichkeit abzuwägen, wie
sie auf dem Theater und in meiner Loge habe zugleich sein können, fiel mir
nicht ein. So wie ...
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