einiges über konrad bayer (oswald wiener, 1978)
oswald wiener
einiges über konrad bayer
"wissen sie", sagte paolo farkas, "dass wir gar keinen freien willen haben." vielleicht ein bisschen, grübelte goldenberg als er nach hause ging.
die angehörigen meiner generation können heute die ungeheuerliche erscheinung wahrnehmen, dass gewisse gedanken der fünfzigerjahre
zu personen geworden sind; als seien die vorstellungen zu kompliziert und in ihren gegenseitigen einwirkungen und in den folgerungen zu
unübersichtlich geworden, scheinen sie aus den köpfen hinausgestellt, in der «wirklichkeit» nachgestellt, mit menschen aufgeschrieben, die
man leicht für blosse zeichen hält. unausgedrückt ist freilich das wichtigste geblieben, nämlich das, was jene gedanken herausgefordert hatte,
das motiv, von dem sie unbeholfene näherungen geblieben sind, weil die zeitgenössische problemkulisse, deren konturen die äusserungen
notgedrungen annehmen, mit den gesuchten inhalten nicht kommensurabel war. dieses motiv war, so scheint es mir und so fühle ich es noch,
die ahnung, dass wir nicht nur von einer "bürgerlichen" kultur, sondern von jeder, insbesondere auch von all dem, was seit zweihundertfünfzig
jahren oder länger als wahrheit, sinn und erkenntnis gegen die bürgerliche kultur vorgebracht worden ist, in der beweglichkeit unseres
denkens und in der entfaltung unserer möglichkeiten des verstehens, in unserem umgang mit «fakten», in unseren versuchen der
de-identifikation gehemmt worden sind, der protest war nicht gegen einen bestimmten staat oder sonst eine folklore, sondern gegen staat,
sprache, konsens, verfahren, modelle, "denkgesetze"; nicht gegen verhaltensstile, sondern gegen die formen des eigenen denkens. dass er,
für meinen geschmack, nicht einmal annähernd ausgedrückt worden ist, liegt hauptsächlich daran, dass wir den schmerz der
widersprüchlichkeit und die blamagen der banalität gescheut haben, dass folgerichtigkeit uns immer wieder in die irre führt, dass wir nach
bewährung trachten statt uns zu entlehren. auch haben uns die erbärmlichen bildungsmöglichkeiten jener zeit eine falle gestellt, die es der
jugend nahelegten, in den von den übriggebliebenen interpretierten protesten früherer generationen anleitung zu suchen: unsere
formulierungen sind in den formen steckengeblieben, die wir als "revolutionär" zu geschwind übernommen hatten, bloss weil sie immer noch
aufreizend gewirkt haben. und drittens waren wir zu alt, als wir begriffen hatten, dass wir die ganze bildung würden durchmachen müssen.
dieser aufstand wird mit den köpfen, die sich ihn nicht deutlicher machen konnten, verschwinden. was für die taktik zu befürchten war, ist
weitgehend schon eingetroffen: in den versuchen, eine «neue» sinnhaftigkeit zu mobilisieren, überlebt der alte sinn. die selben sätze,
ausdrücke und stile, die wir provisorisch benutzt haben, um einen aufbruch zu beschreiben, bezeichnen nun wieder das, dessen überwindung
sie einleiten helfen haben sollen, das werkzeug ist abgeglitten; ja, die angeblichen schilderer dieser epoche haben, z. b. truffaut oder godard,
indem sie die «atmosphäre» rekonstruierten, nichts als eine sprache beschrieben, und deren gegenstand verfehlt (als berichte ein mensch
seine gedanken, und ein stilist untersuche die ausdrücke, die jener verwendet). voreilige und oberflächliche erörterungen in der viel flacher
motivierten öffentlichkeit haben die spannung in den individuen auf den sozialen prozess projiziert, in dem sie ohne chance auf
schöpferischen ausdruck abgebaut wird. die darstellung der gedanken durch personen ist weder so schnell noch so komplex noch so
vorläufig wie gedanken; die personifizierungen fahren sich unvermeidlich in der geschichtlichkeit fest; die übersetzung in psychodramen
zwingt jene ansätze in eine besonders unbewegliche grammatik, deren eigengesetzlichkeit die kaum erfassten inhalte ganz zuschüttet.
sicherlich trägt zu diesem meinem eindruck bei, dass man im wien meiner adoleszenz keinerlei wahl in seinem umgang hatte, während ich
heute in der massengesellschaft lebe. es war nicht möglich, einen menschen nicht wahrzunehmen, bloss weil er ansatzpunkte und themen
herumtrug, die den eigenen zuwiderliefen. der druck der kompakten gesellschaft hielt alle divergenzen der aussenseiter zusammen, man
musste sich detailliert auseinandersetzen und war gezwungen, sich in bahnen einzudenken, die man nicht freiwillig gewählt hätte. manche
meiner freunde hat das wie mich selbst in versuchen gefördert, nicht das zu sein, was man denkt, sondern das eigene denken wie ein
fremdes wahrzunehmen. heute sind, scheint es, verhältnismässig wenige formulierungen auf eine unzahl von menschen verteilt, von denen
jeder mit dem auf ihn entfallenden fetzen zufrieden ist; es fällt leicht, den mann abzuweisen, da sein vortrag so beschränkt ist und die auswahl
unter den anderen bruchstücken so gross. kommt es dennoch zu auseinandersetzungen, so finden sie in einem jargon beliebigen begreifens
statt, der ideen in originalitäten erdrückt, und widerspruch dient nur mehr zum "markieren" von "positionen", wo sich der naive durch das profil
seiner bedürfnisse disqualifiziert.
schriftstellerische arbeit damals hat einige von uns schnell zu der einsicht geführt, dass die wichtigsten einsichten in die natur des denkens
und der mitteilung fehlten. für den einen oder anderen war vielleicht gerade das ein grund, an den wert der dichtung zu glauben. aber in dem
für mich einzig bedeutenden teil der heute so genannten konkreten poesie war sie ein experiment, sich über die mechanismen des
verstehens und des «wirkens» von sprache erste hypothesen zu verschaffen. selbstverständlich ist konrad bayer nie ein «konkreter dichter»
im sinne der heutigen anthologien gewesen. er war auch nicht in erster linie ein schriftsteller (dessen leben dazu dient, ein werk zu begleiten
oder zu illustrieren); das meiste, was in form von anregungen und ideen von ihm ausgegangen ist, erscheint in seinen schriften nicht, oder
jedenfalls nur so tastend, wie es sich in den damals möglichen formulierungen unterbringen liess. das schreiben ist nicht ein mittel
künstlerischer «darstellung» gewesen, sondern ein instrument zur untersuchung von denkvorgängen und für den schreibenden ein
natürlicher hebel zum hinausschieben seiner im schreiben ihm merkbar werdenden vorstellungsschranken.
konrad hat durch seine persönliche anwesenheit und durch sein gespräch weit stärker und folgenreicher gewirkt als durch seine arbeit, die
man seither als «avantgarde» in traditionen gestellt hat, wie man es tut um den «dichter» aus klischees zu synthetisieren. gegen die
heimholung (er gilt hie und da bereits als vorläufer seiner missversteher) wird mehr über den mann gesagt werden müssen.
während ich von früh an gefühlt habe, dass mich meine eindrücke zu direkt berühren, dass ich mich flüssiger machen müsse statt auf die
ereignisse einzuwirken, schien konrad daran interessiert, seinen einfluss auf andere menschen zu studieren. er war häufig mit dem
arrangement einer szene oder einer situation beschäftigt, um andere zu für ihn vorhersagbaren handlungen zu bringen (nicht vorwiegend
handlungen, die einen ausserhalb des experiments liegenden vorteil für ihn bedeutet hätten). diejenigen, die solche szenen als mitteilungen
auffassen konnten, hatten die chance, seine freunde zu werden. im allgemeinen aber verhielt er sich so, als wären die vorstellungen der
menschen von sich selber und ihrer reise durch die situationen zu rudimentär und zu starr, um bewegungsfreiheit zuzulassen. er trachtete
danach, einen umfassenderen überblick über die jeweilige lage zu haben als die menschen, die diese lage mit ihm zu teilen schienen, und
vergewisserte sich darüber durch kleinere und grössere eingriffe oder akzentverschiebungen. freundschaft mit ihm war waffenstillstand. auch
ich bin immer wieder, bis zu seinem tod, wie ich glaube, ein opfer solcher erprobungen der tüchtigkeit seiner vorstellungen gewesen, ja
manchmal sogar der anlass zu besonderen abgrenzungen, neben seinen selbstversuchen ein objekt, das er vielleicht besonders gut zu
kennen meinte.
wenn konrad eintrat, befiel einen eine gewisse spannung, die situation gestattete nicht mehr ein ruhen in ihr oder eine bewegung mit ihr, man
war nunmehr gezwungen, sie immer wieder, ihre einzelheiten, die möglichkeiten ihrer interpretation, der interpretation der eigenen
erscheinung in ihr, die konkreten anblicke und ihre möglichen bedeutsamkeiten durchzugehen und die möglichkeiten von veränderungen
vorwegzunehmen. die niederschrift vieler gespräche wäre unverständlich, da die zusammenhänge nur durch schnelle wechsel in der
brennweite der aufmerksamkeit und durch umklappende vorstellungen, die sich nicht immer in formulierungen zeigten, gewahrt werden
konnten. man durchmusterte die gegenstände und die bewegungen immer wieder, man geriet aus dem kaffeehaus ins unbekannte. wer das
nicht vermochte und dennoch mehr sein wollte als staffage, wurde material; ein bekanntes theaterstück von w. bauer paraphrasiert einen
weitgehend durchdachten plan, den konrad mit w. t. und mir längere zeit hindurch weiterfeilte und der eigentlich nur deswegen nicht völlig in
die tat umgesetzt worden ist, weil das globale gelingen nicht recht zweifelhaft war und weil ein unterschied zwischen einem menschen und
einer vorstellung schwierig zu treffen ist. hierher gehört auch ein teilweise ausgeführter versuch, sich ohnehin anbahnende veränderungen in
den liebes- und eheverhältnissen einiger unserer freunde zu beeinflussen, und diesen versuch als eine schlacht zwischen ihm und mir
auszutragen, deren soldaten, nichts von zwecken vermutend, dem sieger seine fähigkeiten bestätigen würden (als boxkämpfe und duelle
tauchen gesprächs- und steuerungssituationen wiederholt in seiner arbeit und in unserer zusammenarbeit auf - auch dafür lässt sich, wenn
man glaubt, eine tradition finden).
ich habe etwas daraus bis heute behalten und verstärkt: dieses verstehen einer situation ohne vertrauen auf «manifest» werdende züge und
das verwerfen des verständnisses, sobald man merkt, dass man verstanden hat und danach zu handeln beginnt; die übung darin, die
befriedigung des begreifens abzuweisen; die geübtheit, sich beim begreifen zu ertappen, seinem eigenen verhalten überlegen zu werden und
sich von ihm zu distanzieren noch während es anhält; es nicht zu verändern. eine art bargeldloses verstehen.
jene gefährlichkeit einer bekanntschaft mit konrad ist einigen leuten gleich aufgefallen (für manche ist er heute noch der teufel) - müttern
manchmal, und ehefrauen (ihnen nicht etwa weil ...
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