







Hans Christian Andersen 

Tante Zahnweh


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Woher haben wir die Geschichte? 
Willst du es wissen? 
Wir haben sie aus der Tonne, aus der mit dem alten Papier. 
Manch ein gutes und seltenes Buch ist zum Fettwarenhndler und zum Gewrzkrmer gewandert, nicht als Lektre, sondern als Gebrauchsartikel. Die mssen Papier gebrauchen zu Tten fr Strke und Kaffeebohnen, Papier fr gesalzene Heringe, Butter und Kse. Geschriebene Sachen sind auch brauchbar. 
Oft wandert in die Btte, was nicht in die Btte wandern sollte. 
Ich kenne einen Krmerlehrling, den Sohn eines Fettwarenhndlers; er ist vom Keller in das Erdgescho aufgestiegen, ein Mensch, der viel gelesen hat, Ttenlektre, die gedruckte und die geschriebene. Er hat eine interessante Sammlung, und darin sind mehrere wichtige Aktenstcke aus dem Papierkrben dieses und jenes berarbeiteten, zerstreuten Beamten; manch ein vertraulicher Brief von einer Freundin an die Freundin: Skandalmitteilungen, die nicht weitergehen drften, von niemand erwhnt werden sollten. Er ist eine lebende Rettungsanstalt fr einen groen Teil der Literatur, er hat den Laden der Eltern und des Prinzipals und hat da manch ein Buch oder Bltter von einem Buch gerettet, die wohl verdienen knnten, zweimal gelesen zu werden. 
Er hat mir seine Sammlung von gedruckten und geschriebenen Sachen aus der Btte gezeigt, am reichsten war die Sammlung aus der Btte des Fettwarenhndlers. Da lagen ein paar Bltter aus einem greren Schreibheft; die auerordentlich schne und deutliche Handschrift zog gleich meine Aufmerksamkeit auf sich. 
"Das hat der Student geschrieben", sagte er, "der Student, der hier gerade gegenber wohnte und vor einem Monat starb. Er hat an schrecklichen Zahnschmerzen gelitten, das sieht man aus seinen Aufzeichnungen. Das ist ganz amsant zu lesen. Es ist nur noch wenig von dem Geschriebenen da, es war ein ganzes Buch und noch ein bichen mehr; meine Eltern gaben der Wirtin des Studenten ein halbes Pfund grne Seife dafr. Dies ist alles, was ich gerettet habe." 
Ich lieh es, ich las es und jetzt erzhle ich es. 
Die berschrift lautete: 
Tante Zahnweh
I
Tante gab mir se Nschereien, als ich klein war. Meine Zhne hielten es aus, wurden nicht schlecht dadurch; jetzt bin ich lter geworden, bin Student; sie verhtschelt mich noch immer mit Sigkeiten, sagt, da ich ein Dichter bin. 
Ich habe etwas vom Poeten in mir, aber nicht genug. Oft, wenn ich in den Straen der Stadt gehe, ist es mir, als ginge ich in einer groen Bibliothek; die Huser sind Bcherregale, jedes Stockwerk ist ein Brett mit Bchern. Dort steht eine gute, alte Komdie, dort stehen wissenschaftliche Werke aus allen Fchern, hier Schnitzliteratur und gute Lektre. Ich kann ber alle die Bcher phantasieren und philosophieren. 
Es ist etwas vom Poeten in mir, aber nicht genug. Manche Menschen haben gewi ebenso viel davon in sich und tragen doch kein Schild oder Halsband mit dem Namen Poet. 
Ihnen wie mir ist eine Gabe Gottes gegeben, ein Segen, gro genug an sich, aber zu klein, um ausgestckt und an andre gegeben zu werden. Es kommt ganz pltzlich, wie ein Sonnenstrahl, fllt die Seele und den Gedanken, es kommt wie ein Blumenduft, wie eine Melodie, die man kennt, ohne doch zu wissen, woher sie kommt. 
Neulich abends sa ich in meinem Zimmer, hatte Verlangen, etwas zu lesen, hatte kein Buch, kein Blatt, da fiel ein grnes Blatt vom Lindenbaum. Der Wind trug es zum Fenster, zu mir herein. 
Ich betrachtete die vielen verzweigten Adern; ein kleiner Wurm bewegte sich darber hin, als wollte er ein grndliches Studium des Blattes unternehmen. 
Da mute ich an Menschenweisheit denken, wir krabbeln auch auf dem Blatt umher, kennen nur das, aber halten sofort einen Vortrag ber den ganzen groen Baum, die Wurzeln, den Stamm und die Krone; ber den groen Baum: Gott, die Welt und die Unsterblichkeit, und kennen von dem ganzen Baum nur ein kleines Blatt. 
Wie ich so dasa, bekam ich Besuch von Tante Mille. 
Ich zeigte ihr das Blatt mit dem Wurm, sagte ihr meine Gedanken dabei, und ihre Augen leuchteten. 
"Du bist ein Dichter", sagte sie, "vielleicht der grte, den wir haben! Wenn ich das erleben sollte, dann gehe ich gern in mein Grab. Du hast mich seit Brauer Rasmussens Begrbnis immer durch deine mchtige Phantasie in Erstaunen versetzt." 
Das sagte Tante Mille, und dann kte sie mich. 
Wer war Tante Mille, und wer war Brauer Rasmussen? 
II
Muters Tante wurde von uns Kindern Tante genannt, wir hatten keinen anderen Namen fr sie. 
Sie gab uns Eingemachtes und Zucker, obwohl das sehr schlecht fr unsere Zhne war, aber sie war den sen Kindern gegenber schwach, das sagte sie selber. Es sei ja grausam, ihnen das bichen Se vorzuenthalten, das sie doch so sehr liebten. 
Und daher hatten wir Tante so lieb. 
Sie war ein altes Frulein, solange ich mich erinnern kann, immer alt! Sie stand im Alter still. 
In frheren Jahren litt sie sehr an Zahnschmerzen und sprach immer davon, und dann war Ihr Freund, Brauer Rasmussen, witzig und nannte sie Tante Zahnweh. 
Whrend der letzten Jahre braute er nicht mehr, er lebte von seinen Zinsen, kam oft zu Tante und war lter als sie. Er hatte gar keine Zhne, nur ein paar schwarze Stummel. 
Als kleiner Junge habe er zuviel Zucker gegessen, sagte er zu uns Kindern, und dann wrde man so aussehen. 
Tante hatte als Kind gewi niemals Zucker gegessen, sie hatte die schnsten weien Zhne. 
Sie gehe auch sparsam damit um, schlafe des Nachts nicht mit ihren Zhnen, sagte Brauer Rasmussen. 
Das war eine Bosheit, das wuten wir Kinder, er dachte sich aber nichts dabei. 
Eines Vormittags, beim Frhstck, erzhlte sie einen schrecklichen Traum; sie hatte in der Nacht getrumt, da einer ihrer Zhne ausgefallen war. 
"Das bedeutet", sagte sie, "da ich einen wahren Freund oder eine Freundin verlieren werde!" 
"War es ein falscher Zahn", sagte der Brauer lchelnd, "dann kann es nur bedeuten, da Sie einen falschen Freund verlieren!" 
"Sie sind ein unhflicher alter Herr!" sagte Tante so erzrnt, wie ich sie niemals, weder frher noch spter, gesehen habe. 
Spter sagte sie, es sei nur eine Neckerei von ihrem alten Freund, er sei der edelste Mensch auf der Welt, und wenn er einmal strbe, wrde er ein kleiner Engel Gottes im Himmel werden. 
Ich dachte viel ber die Verwandlung nach und ob ich wohl imstande sein wrde, ihn in der neuen Gestalt zu erkennen. 
Als die Tante jung war und er auch jung war, hielt er um ihre Hand an. Sie besann sich zu lange, blieb sitzen, blieb zu lange sitzen, wurde ein altes Frulein, blieb aber immer eine treue Freundin. 
Und dann starb Brauer Rasmussen. 
Er wurde im teuersten Leichenwagen zu Grabe gefhrt und hatte ein groes Gefolge, Leute mit Orden und in Uniformen. 
Tante stand in Trauerkleidern am Fenster mit uns Kindern allen, den kleinen Bruder ausgenommen, den der Storch vor einer Woche gebracht hatte. 
Nun waren der Leichenwagen und das Gefolge vorber, die Strae war leer, die Tante wollte gehen, aber das wollte ich nicht, ich wartete auf den Engel, Brauer Rasmussen; er war ja jetzt ein kleines, beschwingtes Kind Gattes geworden und mute nun erscheinen. 
"Tante!" sagte ich. "Glaubst du nicht, da er jetzt kommt? Oder da, wenn der Storch uns wieder einen kleinen Bruder bringt, er uns dann den Engel Rasmussen bringt?" 
Tante war ganz berwltigt von meiner Phantasie und sagte: "Das Kind wird ein groer Dichter!" Und das wiederholte sie whrend meiner ganzen Schulzeit, ja nach meiner Konfirmation und auch jetzt noch, wo ich Student bin. 
Sie war und ist meine treueste Freundin, sowohl in Dichterschmerzen als auch in Zahnschmerzen. Ich habe ja Anflle von beiden. 
"Schreibe nur alle deine Gedanken nieder", sagte sie, "und lege sie in die Tischschublade; das tat Jean Paul: er wurde ein groer Dichter; ich mag ihn freilich nicht, er ist nicht spannend genug! Du mut spannend sein! Und du wirst spannen!" 
In der Nacht nach dieser Rede lag ich in groer Sehnsucht und Schmerzen, in Drang und Lust, der groe Dichter zu werden, den Tante in mir sah und sprte; ich lag in Dichterschmerzen, aber es gibt noch einen schlimmeren Schmerz: das Zahnweh; das whlte und bohrte in mir; ich ward ein sich windender Wurm mit Kruterkissen und spanischer Fliege. 
"Das kenne ich!" sagte die Tante. 
Ein Lcheln des Kummers umspielte ihren Mund; ihre Zhne schimmerten so wei. 
Aber ich mu einen neuen Abschnitt in meiner Geschickte und der Geschichte meiner Tante anfangen. 
III
Ich war in eine neue Wohnung gezogen und hatte da whrend eines Monats gewohnt. 
Hierber sprach ich mit Tante. 
"Ich wohne bei einer stillen Familie; sie denkt nicht an mich, selbst nicht, wenn ich dreimal klingele. brigens ist es ein wahres Spektakelhaus mit Geruschen und Lrm von Wetter und Wind und Menschen. Ich wohne gerade ber dem Torweg, jeder Wagen, der herein- oder hinausfhrt, macht die Bilder an den Wnden erzittern. Die Haustr knallt und rttelt, so da das Haus schwankt wie bei einem Erdbeben. Wenn ich im Bett liege, fhle ich die Ste in allen Gliedern; aber das soll nervenstrkend sein. Wenn es weht, und hierzulande weht es ja immer, dann baumeln die langen Fensterhaken drauen hin und her und schlagen gegen die Mauer. Die Torglocke des Nachbarn auf dem Hof klingelt bei jedem Windsto. 
Unsere Hausbewohner kommen tropfenweise nach Hause, spt am Abend, tief in der Nacht; der Mieter gerade ber mir, der am Tage Stunden in Posaunenblasen gibt, kommt am sptesten nach Hause, und er legt sich nicht schlafen, ehe er einen kleinen Mitternachtssparziergang mit schweren Schritten und eisenbeschlagenen Stiefeln gemacht hat. 
Doppelte Fenster sind nicht da, aber da ist eine gerissene Fensterscheibe, die hat die Wirtin mit Papier verkleistert, der Wind blst trotzdem durch den Ri hinein und bringt einen Laut hervor wie von einer summenden Bremse. Das ist Schlafmusik. Schlafe ich dann endlich ein, dann werde ich bald vom Hahnengeschrei geweckt. Hahn und Huhn auf dem Hhnerhof bei dem Kellermann melden, da es bald Morgen ist. Die kleinen Nordlandspferdchen, die keinen Stall haben, sondern im Sandloch unter der Treppe angebunden sind, schlagen gegen die Tr und das Paneel, um sich Bewegung zu machen. 
Der Tag dmmert; der Pfrtner, der mit seiner Familie in der Mansarde wohnt, lrmt die Treppe hinab; die hlzernen Pantoffeln klappern, die Haustr knallt, das Haus erbebt, und wenn das berstanden ist, fngt der Mieter ber mir an, sich im Turnen zu ben: er hebt in jeder Hand eine schwere Eisenkugel empor, die er nicht halten kann; sie fllt wieder und wieder herab, whrend gleichzeitig die Jugend des Hauses, die zur Schule gehen soll, schreiend die Treppe hinabstrzt. Ich gehe an das Fenster und mache es auf, um frische Luft zu haben, und das ist auch erquickend, wenn ich sie nur bekommen kann und die Mansell im Hinterhaus nicht gerade Handschuhe in Fleckwasser wscht; das ist nmlich ihr Lebensunterhalt. brigens ist es ein gutes Haus, und ich wohne bei einer stillen Familie." 
Das war das Referat, das ich Tante ber meine Wohnung gab; ich erzhlte lebhafter, der mndliche Vortrag hat frischere Farben als der geschriebene. 
"Du bist ein Dichter!" rief Tante. "Schreibe nur deine Rede auf, dann kannst du es dreist mit Dickens aufnehmen! Ja, mich interessierst du viel mehr! Du malst, wenn du redest! Du beschreibst dein Haus, so da man es sieht! Es schaudert einen! - Dichte nur weiter! Lege etwas Lebendes hinein, Menschen, nette Menschen, am liebsten unglckliche!" 
Das Haus schrieb ich wirklich nieder, wie es mit allen seinen Geruschen und Mngeln dasteht, aber nur mit mir selber, ohne Handlung. Die kam spter! 
IV
Es war zur Winterzeit, spt am Abend, nach dem Theater, ein furchtbares Wetter, Schneesturm, so da man kaum vorwrtskommen konnte. 
Die Tante war im Theater, und ich war gekommen, um sie nach Hause zu begleiten, aber man hatte Mhe, selber zu gehen, geschweige denn andere zu fhren. Die Mietkutschen waren alle besetzt; die Tante wohnte weit drauen in der Vorstadt, meine Wohnung dahingegen lag dicht beim Theater, wre das nicht der Fall gewesen, so htten wir bis auf weiteres in einem Schilderhaus stehen mssen. 
Wir stolperten vorwrts im tiefen Schnee, umsaust von den wirbelnden Schneeflocken. Ich hielt sie, stie sie vorwrts. Nur zweimal fielen wir, aber wir fielen weich. 
Wir erreichten meinen Torweg, wo wir unsere Kleider schttelten; auch an der Treppe schttelten wir uns und hatten doch Schnee genug mitgebracht, um den Fuboden auf dem Vorplatz damit anzufllen. 
Wir zogen die berkleider und Stiefel und Strmpfe aus, befreiten uns von allem, was wir nur abwerfen konnten. Die Wirtin gab der Tante trockene Strmpfe und eine Morgenmtze, das sei notwendig, sagte die Wirtin und fgte hinzu, was auch richtig war, die Tante knne unmglich in dieser Nacht nach Hause kommen; sie bat sie, mit ihrer Wohnstube frliebzunehmen; da wollte sie ein Bett auf dem Sofa vor der immer zu meinem Zimmer abgeschlossenen Tr fr sie aufmachen. 
Und das geschah. 
Das Feuer brannte in meinem Ofen, die Teemaschine kam auf den Tisch, es ward gemtlich in dem kleinen Zimmer, wenn auch nicht so gemtlich wie bei Tante, wo im Winter dicke Gardinen vor den Fenstern hngen und doppelte Teppiche, mir drei dicken Schichten Papier darunter, auf dem Fuboden liegen; man sitzt da wie in einer fest zugekorkten Flasche mit warmer Luft, doch, wie gesagt, es ward auch gemtlich bei mir; der Wind sauste drauen. 
Die Tante erzhlte und erzhlte; die Jugendzeit kam wieder, der Brauer kam wieder, alte Erinnerungen. 
Sie erinnerte sich noch, wie ich den ersten Zahn bekam, und an die Freude der Familie darber. 
Der erste Zahn! Der Zahn der Unschuld, schimmernd wie ein kleiner Milchtropfen, der Milchzahn. 
Es kam einer, es kamen mehrere, eine ganze Reihe, nebeneinander, oben und unten, die schnsten Kinderzhne, und doch nur die Vortraber, nicht die richtigen, die fr das ganze Leben dauern sollen. 
Auch die kamen und auch die Weisheitszhne, die Flgelmnner in der Reihe, unter Schmerzen und groen Beschwerden geboren. 
Die vergehen wieder, jeder einzelne, die vergehen, ehe die Dienstzeit um ist, selbst der letzte Zahn vergeht, und das ist kein Festtag, das ist ein Wehmutstag. 
Dann ist man alt, selbst wenn das Gemt noch jung ist. 
Solche Gedanken und Reden sind nicht immer vergnglich, und doch sprachen wir von alldem, wir kehrten zurck zu den Jahren der Kindheit, redeten und redeten, die Uhr wurde zwlf, ehe Tante sich in die Stube nebenan begab. 
"Gute Nacht, mein ses Kind!" rief sie. "Nun schlafe ich, als lge ich in meiner eigenen Kommode!" 
Und sie war zur Ruhe gegangen, aber Ruhe war weder im Hause noch drauen. Der Sturm rttelte an den Fenstern, schlug mit den langen, baumelnden eisernen Haken, klingelte mit der Trglocke im Hinterhof. Der Mieter oben war nach Hause gekommen. Er machte noch einen kleinen nchtlichen Spaziergang auf und nieder, warf dann die Stiefeln hinaus und legte sich endlich ins Bett zum Schlafen nieder; aber er schnarcht, so da man es mit guten Ohren durch die Decke hindurch hren kann. 
Ich fand nicht Ruhe, ich konnte nicht schlafen; das Wetter ward auch nicht ruhig, es war unmanierlich lebhaft. Der Wind sauste und sang auf seine Weise, meine Zhne fingen auch an, lebhaft zu werden, sie sausten und sangen auf ihre Weise. Sie schlugen an zu groen Zahnschmerzen. 
Vom Fenster her zog es. Der Mond schien auf den Fuboden hinein. Das Licht kam und ging im Sturm. Es war eine Unruhe in Schatten und Licht, aber schlielich sah der Schatten am Fuboden aus wie etwas; ich starrte nach diesem beweglichen Etwas hin und sprte einen eiskalten Wind. 
Auf dem Fuboden sa eine Gestalt, dnn und lang, wie wenn ein Kind mit einem Griffel etwas auf die Tafel zeichnet, was einem Menschen gleichen soll, ein einziger dnner Strich ist der Krper, ein Strich und noch einer sind die Arme; die Beine sind auch nur ein Strich, der Kopf ist ein Vieleck. 
Bald wurde die Gestalt deutlicher, sie bekam eine Art Gewand, sehr dnn, sehr fein, aber es deutete an, da sie dem weiblichen Geschlecht angehrte. Ich vernahm ein Summen. War sie es, oder war es der Wind, der wie eine Bremse im Fensterri surrte. 
Nein, sie war es selber, Frau Zahnweh! Ihre Entsetzlichkeit Satania infernalis, Gott bewahre uns vor ihrem Besuch. 
"Hier ist gut sein!" summte sie. "Hier ist ein gutes Quartier, Sumpfgrund, Moorgrund. Hier haben die Mcken mit Gift in den Stacheln gesummt, jetzt habe ich den Stachel. Der mu an Menschenzhnen gewetzt werden. Sie schimmern so wei bei dem, der hier im Bett liegt. Sie haben S und Sauer, Hei und Kalt, Nukern und Pflaumenstein getrotzt! Aber ich will sie schon rtteln und schtteln, die Wurzeln mit Zugwind dngen, sie fukalt machen!" 
Es war eine schreckliche Rede, ein frchterlicher Gast. 
"Du bist also Dichter!" sagte sie. "Ja, ich will dich in allen Versmaen der Pein hinaufdichten! Ich will dir Eisen und Stahl in den Krper geben, die Fden in alle deine Nervenfasern hineinlegen!" 
Es war, als fhre sie einen glhenden Pfriem in den Kinnbacken hinein; ich wand und krmmte mich. 
"Ein famoses Zahnwerk!" sagte sie! Eine Orgel, auf der man spielen kann. 
Maulharfen-Konzert, groartig, mit Pauken und Trompeten, Flte piccolo, Posaune im Weisheitszahn. Groer Poet, groe Musik!" 
Ja, sie spielte auf, und entsetzlich sah sie aus, selbst wenn man nichts weiter von ihr sah als die Hand, diese schattengraue, eiskalte Hand mit den langen, pfriemdnnen Fingern; jeder von ihnen war ein Foltergert: der Daumen und der Zeigefinger waren Kneifzange und Schrauben, der Langemann endete in einem spitzen Pfriem, der Ringfinger war ein Handbohrer und der kleine Finger eine Spritze mit Mckengift. 
"Ich will dich Versemachen lehren!" sagte sie. "Ein groer Dichter soll groe Zahnschmerzen haben, kleine Dichter kleine Zahnschmerzen!" 
"Ach, la mich klein sein!" bat ich. "La mich gar nicht sein! Und ich bin nicht Poet, ich habe nur Dichteranflle sowie Anflle von Zahnweh. Fahre hin! Fahre hin!" 
"Erkennst du denn, da ich mchtiger bin als die Poesie, die Philosophie, die Mathematik und die ganze Musik!" sagte sie. "Mchtiger als alle diese abgemalten und in Marmor gehauenen Empfindungen. Ich bin die lteste von ihnen allen. Ich bin dicht am Garten des Paradieses geboren, drauen, wo der Wind sauste und die nassen Pilze wuchsen. Ich veranlate Eva, sich in dem kalten Wetter zu bekleiden, und Adam auch. Du kannst mir glauben, da war Kraft in dem ersten Zahnweh!" 
"Ich glaube alles!" sagte ich. "Fahre hin! Fahre hin!" 
"Ja, willst du deine Dichterwirksamkeit aufgeben, nimmermehr Verse auf Papier, Tafel oder irgendeine Art von Schreibmaterial niederschreiben, dann will ich dich verlassen, aber ich komme wieder, sobald du dichtest!" 
"Ich schwre!" sagte ich. "La mich dich nur niemals mehr sehen oder spren!" 
"Sehen sollst du mich, aber in einer volleren, lieberen Gestalt wie jetzt! Du sollst mich als Tante Mille sehen; und ich will sagen; dichte, mein ser Junge! Du bist ein groer Dichter, der grte vielleicht, den wir haben, aber sobald du es glaubst und anfngst zu dichten, setze ich deine Verse in Musik, spiele sie auf deiner Mundharfe, du ses Kind! - Denke an mich, wenn du Tante Mille siehst!" 
Und dann verschwand sie. 
Zum Abschied bekam ich noch einen glhenden Pfriemstich in den Kinnbacken hinten, aber das beruhigte sich bald, es war, als flsse ich auf dem weichen Wasser, als she ich die weien Wasserrosen mit den grnen breiten Blttern sich neigen, sich unter mich senken, verwelken, sich auflsen, und ich sank mit ihnen wurde in Frieden und Ruhe aufgelst. - 
"Sterben, hinschmelzen wie der Schnee!" sang es und klang es im Wasser. 
"In der Wolke verdunsten, hinfahren wie die Wolke!-" 
Zu mir hinab durch das Wasser schimmerten groe, strahlende Namen, Inschriften auf wehenden Siegesfahnen, das Patent der Unsterblichkeit - auf dem Flgel der Eintagsfliege geschrieben. 
Der Schlaf war tief, der Schlaf ohne Traum. Ich hrte weder den sausenden Wind, die knallende Hautr, die klingelnde Torglocke des Nachbarn noch die schweren Turnbungen des Mieters ber mir. 
Glckseligkeit! 
Dann kam ein Windsto, so da die verschlossene Tr zu Tante aufsprang. Auch Tante sprang auf, kam in ihre Schuhe, kam in die Kleider, kam zu mir herein. 
"Ich habe wie ein Engel Gottes geschlafen", sagte sie, sie habe nicht gewagt, mich zu wecken. 
Ich erwachte auch, schlo die Augen auf, hatte ganz vergessen, da Tante hier im Hause war, aber bald fiel es mir ein, meine Zahnweh-Erscheinung fiel mir ein. 
Traum und Wirklichkeit vermischten sich miteinander. 
"Du hast gestern abend, nachdem wir einander Gute Nacht gesagt hatten, wohl nicht mehr geschrieben?" frage sie. Ach httest du es doch getan! Du bist mein Dichter, und das bleibst du!" 
Es war mir, als lchle sie hinterlistig. Ich wute nicht, ob es die gute Tante Mille war, die mich liebte, oder die Entsetzliche, der ich des Nachts das Versprechen gegeben hatte. 
"Hast du gedichtet, ses Kind?" 
"Nein, nein!" rief ich. "Du bist doch Tante Mille?" 
"Wer sollte ich sonst wohl sein!" sagte sie. Und es war wirklich Tante Mille. 
Sie kte mich, kam in eine Droschke und fuhr nach Hause. Ich schrieb nieder, was hier geschrieben steht. Es ist nicht in Versen und soll nie gedruckt werden. 
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Ja, hier hrte das Manuskript auf. Mein junger Freund, der Krmergehilfe, konnte das Fehlende nicht auftreiben, es war in die Welt hinausgegangen, als Papier um gesalzene Heringe, grne Seife und Butter; es hatte seine Bestimmung erfllt. 
Der Brauer ist tot, die Tante ist tot, der Student ist tot, er, dessen Gedankenfunken in die Btte wanderten: das ist das Ende der Geschichte - der Geschichte von Tante Zahnweh. 
 
