






Hans Christian Andersen 

Suppe von einem Wurstspeiler


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I. Suppe von einem Wurstspeiler.
"Das war gestern ein ausgezeichnetes Mittagessen" sagte eine alte Musedame zu einer anderen, die nicht mit dabei gewesen war. "Ich sa auf dem einundzwanzigsten Platz von dem alten Museknig ab gerechnet, das ist etwas nichts Geringes. ber die Gnge kann ich Ihnen nur sagen, da sie ausgezeichnet zusammengesetzt waren! Verschimmeltes Brot, Speckschwarte, Talglichte und Wurst und dann dasselbe noch einmal von vorne an. Es war ebensogut, als htten wir zweimal Mahlzeit gehalten. Es war eine behagliche Stimmung und ein gemtlicher Wirrwar wie in einem Familienkreise. Nichts ist brig geblieben auer den Wurstspeilern. Darber wurde natrlich gesprochen und jemand meinte sogar, man knne aus einem Wurstspeiler Suppe kochen. Gehrt hatte ja schon jeder davon, aber niemand hatte solche Suppe je gekostet, geschweige denn, da er sie zu bereiten verstnde. Es wurde ein sehr hbsches Wohl auf den Erfinder der Suppe ausgebracht, er verdiene, Armenhausvorstand zu werden. War das nicht witzig? Und der alte Museknig erhob sich und gelobte, da diejenige von den jungen Muschen, die die besprochene Suppe am wohlschmeckendsten herzustellen verstnde, seine Knigin werden sollte. Jahr und Tag sollten sie Bedenkzeit haben."
"Das wre gar nicht so bel!" sagte die andere Maus, aber wie bereitet man die Suppe zu?"
"Ja, wie bereitet man sie zu?" Danach fragten alle kleinen Muschen, die jungen und die alten. Jede wollte gern Knigin werden, aber keine wollte die Unbequemlichkeit auf sich nehmen, in die weite Welt hinauszugehen, um es zu erlernen, aber es wrde wohl doch notwendig werden. Doch es ist nicht jedem gegeben, die Familie und die alten traulichen Ecken und Winkel zu verlassen. Da drauen geht man nicht jeden Tag ber Kserinden und riecht Speckschwarten, nein, man kann sogar dazu kommen, zu hungern, vielleicht auch dazu, lebendigen Leibes von einer Katze gefressen zu werden.
Diese Gedanken waren es wohl auch, die die meisten davon abschreckten, auf Kundschaft auszuziehen. Endlich fanden sich zur Abreise nur vier Musejungfrauen, jung und heiter, aber arm, bereit. Jede wollte an eine der vier Ecken der Welt ziehen nun kam es nur darauf an, welcher das Glck folgte. Jede nahm einen Wurstspeiler mit, um nicht zu vergessen, weshalb sie reiste; er sollte ihr Wanderstab sein.
Anfang Mai zogen sie von dannen, und in den ersten Maitagen, nach einem Jahre, kamen sie zurck, doch nur drei von ihnen, die vierte meldete sich nicht und lie auch nichts von sich hren. Und nun war der Tag der Entscheidung.
"Da doch immer ein bitterer Tropfen im Freudenbecher sein mu" sagte der Museknig, gab aber doch Befehl, alle Muse viele Meilen im Umkreise einzuladen: sie sollten sich in der Kche versammeln. Die drei weitgereisten Musejungfrauen standen fr sich in einer Reihe; fr die vierte, die fehlte, war ein Wurstspeiler mit schwarzem Flor hingestellt worden. Niemand wagte seine Meinung zu sagen, ehe die drei gesprochen und der Museknig gesagt haben wrde, was weiter geschehen solle.
Nun werden wir hren.
II. Was das erste Muschen auf der Reise gesehen und gelernt hatte.
"Als ich in die weite Welt hinauszog," sagte das Muschen, "glaubte ich wie so viele in meinem Alter, da ich alle Weisheit der Welt in meinem Kopfe htte. Ich ging sogleich zur See, und zwar mit einem Schiffe, das nach Norden steuerte. Ich hatte gehrt, da der Koch auf See es verstehen msse, sich zu helfen. Aber es ist leicht, sich zu helfen, wenn alles mit Speckseiten, Pkelfleisch und stockigem Mehl gefllt ist; man lebt ausgezeichnet! Aber man lernt nicht, wie man aus einem Wurstspeiler Suppe bereitet. Wir segelten viele Tage und Nchte lang, bald schlingerte das Schiff, bald hatten wir mit eindringendem Wasser zu kmpfen. Als wir an Ort und Stelle ankamen, verlie ich das Schiff; es war hoch oben im Norden.
Es ist ein wunderlich Ding, aus dem heimatlichen Winkel auf ein Schiff zu kommen, das auch eine Art Winkel ist, und sich dann pltzlich ber hundert Meilen entfernt im fremden Lande zu finden. Dort gab es wilde Tannen- und Birkenwlder; sie dufteten so stark. Aber ich mag das nicht. Die wilden Kruter rochen so gewrzig, da ich niesen und an Wurst denken mute. Dort waren groe Waldseen, in der Nhe sah ihr Wasser so klar aus, aber aus einigem Abstand gesehen war es schwarz wie Tinte. Da schwammen weie Schwne, ich hielt sie zuerst fr Schaum, so stille lagen sie auf dem Wasser, doch dann sah ich sie fliegen und gehen und erkannte sie. Sie gehren zum Geschlecht der Gnse, das Blut lt sich nicht verleugnen! Ich hielt mich zu meiner Art und schlo mich den Wald- und Feldmusen an, die brigens, besonders was feine Bewirtung angeht, blutig unwissend sind. Und das war es ja einzig und allein, wofr ich ins Ausland gereist war. Allein die Mglichkeit, aus einem Wurstspeiler Suppe zu kochen, schien ihnen ein so auerordentlicher Gedanke, da es sich wie ein Lauffeuer durch den ganzen Wald verbreitete. Aber die Aufgabe zu lsen, rechneten sie durchaus zur Unmglichkeit, und ich htte am allerwenigsten gedacht, da ich hier und noch in derselben Nacht in deren Zubereitung eingeweiht werden wrde. Es war um Mittsommer; deshalb rche auch der Wald so stark, meinten sie, und deswegen seien auch die Kruter so gewrzig, die Seen so klar und doch so dunkel mit den weien Schwnen auf ihrem Wasser. Am Waldessaum, zwischen drei, vier Husern war eine Stange aufgestellt, hoch wie ein Mastbaum, daran hingen Krnze und Bnder. Das war die Maistange. Mdchen und Burschen tanzten rund herum und sangen mit der Geige des Spielmanns um die Wette. Da ging es lustig zu beim Sonnenuntergang und im Mondenschein, aber ich ging nicht mit, was soll ein Muschen beim Ball im Walde! Ich sa in dem weichen Moos und hielt meinen Wurstspeiler in der Hand. Der Mond schien vor allem auf eine Stelle, wo ein Baum mit dem feinsten Moos unter sich stand, ein Moos so fein, ja, ich erkhne mich zu sagen, so fein, wie unseres Museknigs Fell, aber es war von grner Farbe, so da es fr die Augen eine Wohltat war. Da kamen auf einmal die niedlichsten kleinen Personen aufmarschiert, nicht grer, als da sie gerade bis zu meinen Knien reichten. Sie sahen wie Menschen aus, aber besser proportioniert, sie nannten sich Elfen und trugen die feinsten Kleider aus Blumenblttern mit Fliegen- und Mckenflgelbesatz, es sah gar nicht bel aus.
Bald schien es mir, als suchten sie etwas, ich wute nicht was. Doch dann kamen ein paar von ihnen auf mich zu, der vornehmste zeigte auf meinen Wurstspeiler und sagte: "Das ist gerade so einer, wie wir ihn brauchen! Er ist zugespitzt, das ist ausgezeichnet!" Und er wurde immer entzckter, whrend er meinen Wanderstab betrachtete.
"Nur leihen, aber nicht behalten!" sagte ich.
"Nicht behalten" sagten alle, ergriffen den Wurstspeiler, den ich loslie, und tanzten damit zu dem feinen Moosfleckchen. Dort richteten sie den Wurstspeiler mitten im Grnen auf. Sie wollten auch eine Maistange haben, und die, die sie nun hatten, war ja auch wie dafr geschaffen. Nun wurde sie geschmckt; ja, da bekam sie ein Aussehen!
Kleine Spinnen spannen Goldfden darum und hngten wehende Schleier und Fahnen daran, so feingewebt, so schneewei im Mondenschein gebleicht, da mir ordentlich die Augen schmerzten. Sie nahmen Farbe von den Schmetterlingsflgeln und streuten sie auf das weie Linnen, da erschienen Blumen und Diamanten darauf, ich erkannte meinen Wurstspeiler nicht wieder. Solch eine Maistange fand gewi nicht ihresgleichen in der Welt. Und nun kam erst die richtige groe Elfengesellschaft, ganz ohne Kleider, das war das Feinste, und ich wurde eingeladen, den Staat mit anzusehen, aber aus einem gewissen Abstand, denn ich war ihnen zu gro.
Nun begann ein Musizieren. Es war, als ob tausend glserne Glckchen erklngen, so voll und lieblich tnte es; ich glaubte, es wren Schwne, die dort sngen, ja, mir war fast, als hrte ich den Kuckuck und die Drossel heraus. Zuletzt war es gar, als erklnge der ganze Wald mit. Kinderstimmen, Glockenklang und Vogelsang verschmolzen zu einer einzigen lieblichen Melodie, und all die Herrlichkeit erklang aus der Maistange heraus wie aus einem Glockenspiel, und doch war es nur mein Wurstspeiler. Nie htte ich geglaubt, da so viel da herauskommen knnte, aber es kommt wohl immer darauf an, in welche Hnde man gert. Ich wurde wirklich ganz bewegt, ich weinte, wie nur ein Muschen weinen kann vor lauter Freude.
Die Nacht war allzu kurz! Aber sie ist nun einmal dort zu jener Zeit nicht lnger. Beim Tagesgrauen wehte ein Lftchen, der Wasserspiegel auf dem Waldsee kruselte sich, all die feinen, schwebenden Schleier und Fahnen flogen durch die Luft dahin; die schaukelnden Lauben aus Spinneweb, die Hngebrcken und Balustraden oder wie sie nun heien mgen, die dort von Blatt zu Blatt gespannt waren, verflogen wie nichts. Sechs Elfen kamen und brachten mir meinen Wurstspeiler, whrend sie fragten, ob ich irgend einen Wunsch htte, den sie mir erfllen knnten. Da bat ich sie, mir zu sagen, wie man Suppe aus einem Wurstspeiler bereiten knne.
"Wie wir das machen," sagte der Vornehmste und lachte "ja, das hast Du ja eben gesehen! Du kanntest wohl Deinen Wurstspeiler kaum wieder?"
"Also so meinen Sie es!" sagte ich und erzhlte geradeheraus, weshalb ich auf Reisen wre, und was man sich zuhause davon versprche. "Welchen Gewinn," fragte ich, "hat der Museknig und unser ganzes mchtiges Reich davon, da ich all diese Herrlichkeit gesehen habe! Ich kann sie nicht aus dem Wurstspeiler herausschtteln und sagen: Seht, hier ist der Speiler, nun kommt die Suppe! Das wre doch immerhin eine Art Nachgericht, wenn man satt wre."
Da tauchte der Elf seinen kleinen Finger in die blaue Blte eines Veilchens und sagte zu mir: "Gib acht, ich bestreiche Deinen Wanderstab, und wenn Du heim zum Schlosse des Museknigs kommst, so berhre mit dem Stabe Deines Knigs warme Brust. Dann werden Veilchen aus dem Stabe hervorblhen selbst in der kltesten Winterszeit, sieh, dann bringst Du doch etwas mit heim von uns, und nun bekommst Du noch etwas dazu." Aber bevor das Muschen sagte, was dieses Etwas wre, richtete es den Stab gegen des Knigs Brust, und wirklich, es sprang der herrlichste Blumenstrau aus dem Stabe hervor. Er duftete so stark, da der Museknig den Musen, die am dichtesten am Schornstein standen, befahl, schnellsten ihre Schwnze ber das Feuer zu halten, damit es ein bichen angebrannt rieche, denn der Veilchenduft war nicht auszuhalten; er war nicht von der Art, wie man ihn hier schtzte.
"Aber was war das fr ein Etwas dazu, von dem Du eben sprachst?" fragte der Museknig.
"Ja," sagte das Muschen, "das ist das, was man den Knalleffekt nennt" und es drehte den Wurstspeiler um; da waren es keine Blumen mehr, nur den nackten Speiler hielt es in der Hand und erhob ihn wie einen Taktstock.
"Veilchen sind fr die Augen, die Nase und das Herz," sagte der Elf zu mir, "doch es fehlt noch etwas fr Ohren und Zunge." Dabei schlug es Takt und eine Musik setzte ein, nicht wie sie im Walde beim Fest der Elfen erklang, sondern wie sie in der Kche laut wird. Na, das war ein Tumult! Urpltzlich kam es, sauste wie der Wind durch alle Schornsteinrohre, Kessel und Tpfe kochten ber, der Feuerhaken donnerte an den Messingkessel, und dann, ebenso pltzlich, war es wieder stille. Man hrte des Teekessels gedmpften Gesang, ganz wunderlich, man wute nicht, wollte er beginnen oder aufhren. Und der kleine Topf kochte und der groe Topf kochte, der eine kmmerte sich nicht um den anderen, es war, als habe der Topf seine Gedanken nicht beisammen. Und das kleine Muschen schwang seinen Taktstock wilder und wilder - die Tpfe schumten, brodelten, kochten ber, der Wind sauste, der Schornstein pfiff- hu ha, es wurde so grauenerregend, da das kleine Muschen selbst den Stock fallen lie.
"Das war eine schwierige Suppe" sagte der alte Museknig, "wird sie nun angerichtet?"
"Das war alles!" sagte das Muschen und verneigte sich.
"Alles! ja, dann wollen wir hren, was die nchste zu sagen hat" sagte der Museknig.
III. Was das zweite Muschen zu erzhlen wute.
"Ich bin in der Schlobibliothek geboren," sagte die zweite Maus. "Ich und noch mehrere andere Mitglieder meiner Familie haben nie das Glck kennen gelernt, in ein Speisezimmer, geschweige denn in eine Speisekammer zu kommen. Als ich abreiste und dabei diesen Raum hier betrat, sah ich zum ersten Male eine Kche.
Wir litten wirklich Hunger auf der Bibliothek, doch dafr eigneten wir uns mancherlei Kenntnisse an. Dort oben erreichte uns das Gercht von dem kniglichen Preise, der fr die Bereitung einer Suppe aus einem Wurstspeiler ausgesetzt war. Nach einigem Nachdenken zog meine alte Gromutter ein Manuskript hervor, das sie zwar nicht lesen konnte, aber sie hatte es einst lesen hren.
Darin stand: Ist man ein Dichter, so kann man selbst aus einem Wurstspeiler Suppe kochen. Sie fragte mich, ob ich Dichterin wre. Ich wute mich frei davon, und sie sagte mir, da ich eben sehen msse, eine zu werden. Ich erkundigte mich, was dazu ntig sei, denn es schien mir ebenso schwierig zu sein, wie das Suppe kochen. Doch meine Gromutter war wohlunterrichtet; sie sagte, da drei Dinge dazu notwendig wren: Verstand, Fantasie und Gefhl! Knnte ich mir diese zu eigen machen, so wre ich eine Dichterin und wrde auch die Sache mit dem Wurstspeiler ins rechte Lot bringen. Und so zog ich nach Westen in die weite Welt hinaus, um Dichterin zu werden.
Verstand, das wute ich, ist das Wichtigste bei jedem Dinge, die beiden anderen Teile genieen nicht die gleiche Achtung. So ging ich also zunchst auf den Verstand aus. Ja, wo mochte er wohnen? Geh zur Ameise und werde weise! hat einst ein groer Knig der Juden gesagt. Und ich ruhte und rastete nicht, bis ich einen groen Ameisenhaufen gefunden hatte. Dort legte ich mich auf die Lauer, um weise zu werden.
Die Ameisen sind ein sehr respektables Volk, sie sind nur auf Verstand eingestellt. Alles ist bei ihnen ein Rechenstck, bei dem die Probe aufs Exempel gemacht ist; es geht auf. Arbeiten und Eier legen, sagen sie, ist in der Zeit leben und fr die Zukunft sorgen, und danach handeln sie. Sie scheiden sich in reine und unreine Ameisen, der Rang besteht in einer Nummer. Die Ameisenknigin ist Nummer eins, und ihre Meinung ist die einzig richtige. Sie hatte alle Weisheit gepachtet und das zu wissen war fr mich von Wichtigkeit. Sie sagte vieles, was so klug war, da es mir dumm vorkam. Sie sagte auch, ihr Haufen sei das Hchste in dieser Welt. Aber dicht bei dem Haufen stand ein Baum, der hher war, viel hher, das lie sich nicht ableugnen, deshalb sprach man nicht davon.
Eines Abends hatte sich eine Ameise dorthin verirrt, war den Stamm hinaufgekrochen, nicht einmal bis zur Krone, aber doch hher, als je eine Ameise gekommen war. Und als sie umgekehrt und wieder nachhause gekommen war, erzhlte sie im Haufen, da es etwas weit Hheres drauen gbe. Doch das hatten alle Ameisen als Beleidigung des ganzen Gemeinwesens aufgefat, und so wurde die Ameise zum Maulkorb und lebenslnglicher Einsamkeit verurteilt. Aber kurze Zeit darauf kam eine andere Ameise zu dem Baum und machte die gleiche Reise und Entdeckung. Sie sprach auch davon, jedoch, wie man sagte, mit Besonnenheit und in unklaren Ausdrcken, und da sie auerdem eine geachtete Ameise, eine von den reinen war, so glaubte man ihr, und als sie starb, wurde ihr eine Eierschale als Monument fr ihre Verdienste um die Wissenschaften gesetzt. "Ich sah," sagte das Muschen, "da die Ameisen hufig mit ihren Eiern auf dem Rcken umherliefen.
Eine von ihnen verlor das ihre und machte groe Anstrengungen, es wieder aufzuladen, doch wollte es ihr nicht glcken. Zwei andere kamen Ihr mit allen Krften zu Hlfe, so da sie fast ihre eigenen Eier verloren htten, da lieen sie es augenblicklich sein, denn jeder ist sich selbst der Nchste, und die Ameisenknigin uerte darber, da hierbei sowohl Herz als Verstand bewiesen worden wren. "Diese beiden Eigenschaften stellen uns Ameisen an die Spitze der Vernunftswesen. Der Verstand soll und mu das berwiegende sein, und ich habe den grten!" sagte sie und erhob sich auf den Hinterbeinen. Sie machte sich dadurch so deutlich erkennbar - ich konnte gar nicht fehl gehen - und so verschluckte ich sie. Geh zur Ameise und werde weise! Nun hatte ich die Knigin!Ich ging nun nher an den besprochenen Baum heran; es war eine Eiche mit hohem Stamm und mchtiger Krone, die sehr alt war. Ich wute, da hier ein lebendiges Geschpf, eine Frau, wohne, die Dryade genannt wurde. Sie wird mit dem Baume zugleich geboren und stirbt mit ihm. ihm. Ich hatte davon auf der Bibliothek gehrt. Nun sah ich solch einen Baum, sah solch ein Lebewesen. Sie stie einen furchtbaren Schrei aus, als sie mich so nahe erblickte; sie hatte, wie alle Frauenzimmer, die grte Angst vor einer Maus, doch sie hatte dazu mehr Ursache als die anderen, denn ich htte ja den Baum durchnagen knnen, an dem ihr Leben hing. Ich redete freundlich und herzlich mit ihr, sprach ihr Mut zu, und sie nahm mich auf ihre feine Hand. Als sie erfuhr, weshalb ich in die weite Welt hinausgegangen war, versprach sie mir, da ich vielleicht schon am gleichen Abend einen der beiden Schtze, nach denen ich suchte, erhalten solle. Sie erzhlte mir, das Phantasus ein recht guter Freund von ihr und schn wie der Liebesgott sei. Er pflege manche Stunde der Ruhe hier unter des Baumes dichtbelaubten Zweigen, die dann noch voller ber ihnen beiden rauschten. Er nenne, sie seine Dryade, und den Baum seinen Baum. Die knorrige, mchtige schne Eiche sei gerade nach seinem Sinne, die Wurzeln klammerten sich tief und fest in die Erde, Stamm und Krone erhben sich hoch in die frische Luft und kannten den fegenden Schnee, die scharfen Winde und den warmen Sonnenschein, wie sie gekannt werden sollen. Und die Vgel sngen dort oben und erzhlten von den fremden Lndern. Auf dem einzigen verdorrten Zweige habe der Storch sein Nest gebaut, das schmcke so hbsch, und man erfahre doch einiges vom Lande der Pyramiden.
"AII dies hrt Phantasus so gern," sagte sie, "es ist ihm sogar nicht genug, ich selbst mu ihm noch vom Leben im Walde erzhlen von der Zeit an, wo ich noch klein war und der Baum so zart, da eine Nessel ihn verbergen konnte, bis auf den heutigen Tag, wo er so gro und mchtig dasteht. Setz Dich nun hier unter den Waldmeister und gib acht: wenn Phantasus kommt, werde ich wohl Gelegenheit finden, ihn am Flgel zu zupfen und ihm dabei eine kleine Feder auszureien. Die nimm dann, eine bessere bekam kein Dichter;- dann hast Du genug."
Und Phantasus kam, die Feder wurde ihm ausgerissen und ich nahm sie," sagte das Muschen, "ich mute sie aber erst in Wasser legen, damit sie weich wrde, sie war immer noch sehr schwer verdaulich, aber ich knabberte, sie doch auf. Es ist gar nicht leicht, sich durchzubeien, bis man ein Dichter ist, es ist gar viel, was man in sich aufnehmen mu. Nun hatte ich schon zwei von den Dingen, Verstand und Fantasie, und durch diese beiden wute ich, da das dritte auf der Bibliothek zu finden sei, denn ein groer Mann hat gesagt und geschrieben, da es Romane gbe, die nur dazu da seien, die Menschen von den berflssigen Trnen zu befreien, sie seien so eine Art Schwamm, um die Gefhle aufzusaugen. Ich entsann mich ein paar dieser Bcher, sie waren mir immer ganz appetitlich vorgekommen, sie waren so zerlesen, so fettig, sie muten ja ganze Gefhlsstrme in sich aufgenommen haben.
Ich kehrte wieder nachhause in die Bibliothek zurck, a sogleich ziemlich einen ganzen Roman auf, das heit also das Weiche, das Eigentliche, die Rinde dagegen, den Einband, lie ich liegen. Als ich ihn nun verdaut hatte und noch einen zweiten dazu, versprte ich schon, wie es sich in mir regte; ich a ein wenig von dem dritten, da war ich Dichterin. Das sagte ich mir selbst und den anderen auch. Ich hatte Kopfschmerzen. Leibschmerzen, ich wei nicht mehr alle die Schmerzen, die ich hatte. Ich dachte nun darber nach, welche Geschichte in Verbindung mit einem Wurstspeiler gesetzt werden knnte, und bald wimmelte es von Speilern in meinen Gedanken; die Ameisenknigin hat einen ungewhnlichen Verstand gehabt. Ich entsann mich des Mannes, der ein weies Hlzchen in den Mund nahm, wodurch beide unsichtbar wurden, und so gingen ber diese Geschichte meine Gedanken ber alle Hlzchen und Speiler, von denen je eine Geschichte gehandelt hatte, sie gingen vllig in Speilern auf. Daraus mte sich ein Gedicht machen lassen, wenn man Dichterin ist, und das bin ich, ich habe es mir sauer werden lassen. So werde ich nun jeden Tag mit einem Speiler, einer Geschichte, aufwarten knnen, ja, das ist eine Suppe."
"Nun wollen wir also die dritte hren" sagte der Museknig.
"Piep, piep" sagte es in der Kchentr, eine kleine Maus, es war die vierte von ihnen, die totgeglaubte, eilte herein und rannte dabei den Wurstspeiler mit dem Trauerflor um. Sie war Tag und Nacht gelaufen, war auf der Eisenbahn mit einem Gterzug gefahren, wozu sie Gelegenheit gefunden hatte, und wre doch fest zu spt gekommen. Sie drngte sich vor, sah ganz zerzaust aus und hatte wohl ihren Wurstspeiler, aber nicht ihre Sprache verloren; sie erzhlte sogleich darauf los, als ob man nur auf sie gewartet hatte, das alles kam so unerwartet, da niemand Zeit fand, sich ber sie oder ihre Rede aufzuhalten, bevor sie damit fertig war. Nun wollen wir hren:
IV. Was die vierte Maus, die die Rede an sich ri, ehe die dritte Maus gesprochen hatte, zu erzhlen wute.
"Ich ging gleich in die Grostadt," sagte sie, "auf den Namen besinne ich mich nicht mehr, ich kann so schlecht Namen behalten. Von der Eisenbahn kam ich mit konfiszierten Gtern nach dem Rathause, und dort lief ich zu dem Kerkermeister.
Er erzhlte von seinen Gefangenen, besonders von einem, der unbesonnene Worte hatte fallen lassen, die dann weitererzhlt worden waren. Er habe gesagt, da das Ganze nur eine Suppe aus Wurstspeilern wre, und diese Suppe knne ihn leicht den Kopf kosten. Das weckte mein Interesse fr den Gefangenen," sagte die kleine Maus, "und so nahm ich die Gelegenheit wahr und schlpfte zu ihm hinein.
Hinter verschlossene Tren fhrt immer ein Mauseloch. Er sah bleich aus, hatte einen groen Bart und groe, leuchtende Augen. Die Lampe rute und die Wnde waren daran gewhnt, sie wurden nicht schwrzer. Der Gefangene ritzte Bilder und Verse hinein, Wei auf Schwarz, aber ich las sie nicht. Ich glaube, er langweilte sich, und so war ich ein willkommener Gast. Er lockte mich mit Brotkrumen, mit Pfeifen und sanften Worten; er war so froh ber mich! Da fate ich Vertrauen, und wir wurden Freunde. Er teilte Brot und Wasser mit mir und gab mir Kse und Wurst. Ich lebte flott; aber es war hauptschlich der gute Umgang, der mich fesselte. Er lie mich auf seiner Hand und seinem Arm umherlaufen, bis ganz hinauf in den rmel. Er lie mich in seinen Bart kriechen und nannte mich seine kleine Freundin, ich gewann ihn ordentlich lieb, so etwas ist eben gegenseitig. Ich verga mein Geschft drauen in der Welt und verga meinen Wurstspeiler in einer Fubodenritze, wo er heute noch liegt. Ich wollte bleiben, wo ich war. Wenn ich ging, so hatte ja der arme Gefangene gar niemanden, und das ist zu wenig in dieser Welt! Ich blieb also, aber er blieb nicht. Das letzte Mal sprach er so traurig mit mir; er gab mir doppelt soviel Brot und Kserinde und warf mir noch eine Kuhand zu; er ging und kam niemals wieder. Ich kenne seine Geschichte nicht. "Suppe aus einem Wurstspeiler" sagte der Kerkermeister, und zu ihm ging ich, aber ihm htte ich nicht trauen sollen. Wohl nahm er mich auf seine Hand, aber er setzte mich in einen Kfig, in eine Tretmhle. Das ist etwas Grauenhaftes. Man luft und luft und kommt nicht weiter und wird obendrein ausgelacht!
Des Kerkermeisters Enkelin war ein liebes kleines Ding, mit goldblondem Lockenhaar, frhlichen Augen und einem lachenden Mund. "Armes kleines Muschen" sagte sie, guckte in meinen hlichen Kfig hinein, schob den eisernen Riegel zurck- und ich sprang hinab auf das Fensterbrett und in die Dachrinne hinaus.
Frei, frei! Daran allein dachte ich, und nicht an meinen Reisezweck.
Es war dunkel, und es ging auf die Nacht zu. In einem alten Turm nahm ich Herberge; dort wohnte ein Wchter und eine Eule. Ich traute keinem von ihnen ber den Weg, am wenigsten der Eule. Sie gleicht einer Katze und hat den groen Fehler, da sie Muse frit. Doch man kann sich irren, und das tat ich. Es war eine respektable, beraus gebildete alte Eule, sie wute mehr als der Wchter und ebensoviel wie ich. Die jungen Eulen machten um jede Kleinigkeit ein groes Geschrei. "Kocht keine Suppe aus einem Wurstspeiler" sagte sie, das war das Hrteste, was sie ihnen sagen konnte, sie hatte soviel Gefhl fr ihre eigene Familie. Ich fate ein solches Vertrauen zu ihr, da ich von der Spalte aus, wo ich sa, Piep sagte. Dies Zutrauen gefiel ihr, und sie versicherte mir, da ich jetzt unter ihrem Schutze stnde. Kein Tier drfe mir ein Leides tun, das wolle sie selbst im Winter tun, wenn es mit der Kost knapp wrde.
Sie war in allen Dingen gleich beschlagen; sie bewies mir, da der Wchter ohne Horn nicht tuten knne, er bilde sich schrecklich viel darauf ein und glaube, er sei Eule im Turm! Etwas Groes solle es sein und sei doch nur etwas ganz Geringes, Suppe aus einem Wurstspeiler! Ich bat sie um das Rezept, und darauf erklrte sie mir folgendes: Suppe aus einem Wurstspeiler sei nur eine menschliche Redensart, der verschiedener Sinn untergelegt werden knne. Jeder glaube, seine Auslegung sei die rechte. Doch sei das Ganze eigentlich nichts!
Nichts? fragte ich; ich war tief betroffen. Die Wahrheit ist nicht immer angenehm, aber sie ist das Hchste, das sagte auch die alte Eule, Ich dachte darber nach und sah ein, wenn ich das Hchste brchte, so brchte ich weit mehr, als die Suppe aus einem Wurstspeiler. Und so eilte ich davon, um noch rechtzeitig nachhause zu kommen und das Hchste und Beste hierher zu bringen: die Wahrheit! Die Muse sind ein aufgeklrtes Volk und der Knig ist es vor ihnen allen. Er ist imstande, mich um der Wahrheit willen zur Knigin zu machen!"
"Deine Wahrheit ist Lge!" sagte das Muschen, das noch keine Erlaubnis zum sprechen bekommen hatte. "Ich kann die Suppe bereiten und werde es tun!"
Wie es gemacht wird.
"Ich bin nicht gereist," sagte die vierte Maus, "ich blieb im Lande, das ist das einzig Richtige! Man braucht nicht zu reisen, man kann ebenso gut alles hier bekommen. Ich blieb! Ich habe meine Weisheit nicht von bernatrlichen Wesen bekommen, habe sie auch nicht gefressen oder habe mit Eulen gesprochen. Ich habe es durch eigenes Denken erreicht. Wollen Sie jetzt den Kessel aufsetzen und mit Wasser fllen, ganz bis zum Rand! Machen Sie Feuer darunter! So, und nun lassen Sie das Wasser kochen, bis es brodelt. Nun werfen Sie den Speiler hinein! Darauf wollen Seine Majestt der Museknig allerhchst seinen Schwanz in das kochende Wasser tauchen und damit umrhren! Je lnger er rhrt, umso krftiger wird die Suppe. Das kostet nichts, und man braucht keine Zutaten, nur umrhren!"
"Kann es nicht ein anderer tun?" fragte der Museknig.
"Nein!" sagte die Maus, "die Kraft ist nur im Schwanze des Museknigs!"
Und das Wasser brodelte und der Museknig stellte sich daneben, es war ein ganz gefhrlicher Anblick! Er streckte seinen Schwanz aus, wie die Muse es in der Milchkammer tun, wenn sie die Sahne von einer Schssel schpfen und sich dann den Schwanz lecken. Doch er brachte ihn nur bis in den heien Dampf, da sprang er eiligst wieder hinab und sagte: "Natrlich wirst Du meine Knigin! Mit, der Suppe wollen wir bis zur goldenen Hochzeit warten, dann haben die Armen in meinem Reiche etwas, worauf sie sich freuen knnen, das wird eine lange Freude!"
Und so hielten sie Hochzeit; aber einige der Muse sagten, als sie nachhause kamen, das knne man doch nicht eine Suppe aus einem Wurstspeiler nennen, es wre eher Mauseschwanzsuppe! Ein und das andere von dem, was erzhlt worden war, fanden sie ganz gut aber das Ganze hatte anders sein mssen. "Ich wrde es so oder so erzhlt haben."
Das war die Kritik, und die ist immer so klug, hinterher.
Die Geschichte ging durch die ganze Welt, die Meinungen darber waren geteilt, aber die Geschichte selbst blieb ganz. Und das ist das Wichtigste im groen wie im kleinen, auch fr die Suppe aus einem Wurstspeiler. Doch soll man nie auf Dank rechnen!

