







Hans Christian Andersen 

Ein Herzeleid


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Diese Geschichte besteht eigentlich aus zwei Teilen; der erste Teil knnte zwar wegfallen - aber er gibt uns einige Vorkenntnisse, und die sind ntzlich!
Wir sind auf dem Lande, auf einem Herrenhause, wo es sich ereignet hatte, da die Herrschaft auf einige Tage verreist war. Whrenddessen kam aus dem nchsten Stdtchen eine Madame an, sie fhrte einen Mops bei sich und kam, wie sie sagte, damit man Aktien auf ihre Gerberei nehmen mge. Sie hatte ihre Papiere mit, und wir rieten ihr, sie in einen Umschlag zu legen und darauf die Anschrift des Gutsbesitzers 'Herrn Generalkriegskommissarius, Ritter usw.' zu schreiben.
Sie hrte uns aufmerksam zu, ergriff die Feder, hielt wieder inne und bat uns, wir mchten die Anschrift wiederholen, aber langsam. Wir taten es, und sie schrieb; allein inmitten des 'Generalkriegs...' blieb sie stecken, seufzte tief auf und sagte: "Ich bin nur ein Frauenzimmer!" - Ihr 'Moppelchen' hatte sich, whrend sie schrieb, auf den Fuboden gesetzt und knurrte, war doch der Hund auch seines Vergngens und seiner Gesundheit wegen mitgereist, und dann soll einem nicht der Fuboden angetragen werden. Stumpfnase und Speckbuckel waren seine uere Erscheinung.
"Er beit nicht!" sagte die Dame, "er hat keine Zhne. Er ist gleichsam ein Mitglied der Familie, treu und knurrig, allein dazu haben ihn meine Enkel gereizt; sie spielen Hochzeit, und ihm wollen sie die Rolle der Brautjungfer geben, das strengt ihn zu sehr an, das alte Fell!"
Sie gab ihre Papiere ab und nahm das Moppelchen auf den Arm. - Dies ist der erste Teil - den man fglich htte entbehren knnen!
Das Moppelchen starb! Das ist der zweite Teil.
Es war ungefhr eine Woche spter; wir kamen in der Stadt an und kehrten im Gasthofe ein. Unsere Fenster fhrten auf den Hofraum, der durch eine Bretterwand in zwei Teile gesondert war; in der einen Hlfte hingen Felle und Hute, rohe und gegerbte. Hier befanden sich alle Materialien einer Gerberei, und die gehrte der Witwe. - Moppelchen war an diesem Morgen gestorben und in diesem Teile des Hofraumes begraben worden; die Enkel der Witwe, das heit, die der Gerberwitwe, denn Moppelchen war nie verheiratet, deckten das Grab zu, und es war ein schnes Grab, es mute ein wahres Vergngen sein, darin zu liegen.
Das Grab war mit Topfscherben eingezunt und mit Sand bestreut; ganz oben hatten sie eine halbe Bierflasche hingepflanzt, den Hals nach oben gekehrt, und das war durchaus nicht allegorisch.
Die Kinder tanzten um das Grab herum, und der lteste der Knaben unter ihnen, ein praktischer Junge von sieben Jahren, machte den Vorschlag, da eine Ausstellung der Moppelchen-Grabsttte stattfinden solle, und zwar fr alle aus dem Gchen; der Eintritt solle mit einem Hosenknopfe bezahlt werden. Einen solchen bese jeder Knabe, und jeder knne gleichfalls einen fr ein kleines Mdchen hergeben; dieser Vorschlag wurde einstimmig genehmigt.
Alle Kinder aus dem Gchen, ja selbst aus dem Hintergchen strmten herbei, und jedes gab einen Knopf. Viele gingen an diesem Nachmittage nur mit einem Hosentrger umher, aber dafr hatte man das Grab des Moppelchen gesehen, und der Anblick war viel mehr wert.
Doch drauen vor dem Gerberhofe, dicht neben dem Eingange, stand ein kleines, im Lumpen gekleidetes Mdchen, gar schn von Gestalt, mit gelocktem Haar und mit Augen, blau und klar, da es eine Lust war. Es sprach kein Wort, es weinte auch nicht, aber jedesmal, wenn das Pfrtchen sich ffnete, warf es einen langen, langen Blick in den Hof. Es hatte keinen Knopf, das wute es wohl, und deshalb blieb es traurig drauen stehen, bis alle die anderen das Grab gesehen und sich wieder entfernt hatten; alsdann setzte es sich nieder, hielt die kleinen braunen Hnde vor die Augen und brach in Trnen aus; das Mdchen allein hatte Moppelchens Grab nicht gesehen. Es war ein Herzeleid, so gro wie ein Erwachsener es nur empfinden kann.
Wir sahen dies von oben - und von oben gesehen, ja, dann knnen wir darber lcheln - ber dieses, wie ber manches eigene und anderer Leute Herzeleid! - 
Das ist die Geschichte, und derjenige, der sie nicht versteht, mag sich eine Aktie in der Gerberei bei der Witwe kaufen.  

