







Hans Christian Andersen 

Die Sparbchse


***************


Da gab es soviel Spielzeug in der Kinderstube; oben auf dem Schranke stand die Sparbchse. Sie war aus Ton und hatte die Gestalt eines Schweins. Auf dem Rcken hatte sie natrlich einen Spalt und der Spalt war mit einem Messer noch grer gemacht worden, damit auch Silbertaler hineingehen knnten, und es waren wirklich zwei, neben vielen anderen Schillingen, durch den Spalt gewandert. Die Sparbchse war vollgepfropft, da sie gar nicht mehr klappern konnte, und das ist das Hchste, wozu eine Sparbchse es bringen kann. Da stand sie nun ganz oben auf dem Schranke und sah auf alles in der Stube herab, sie wute recht wohl, da sie mit dem, was sie im Bauche hatte, das Ganze htte kaufen knnen, und das ist ein angenehmes Bewutsein. 
Das dachten die anderen auch, obwohl sie es nicht sagten; es gab ja auch andere Dinge, um darber zu sprechen. Die Kommodenschublade stand halb aufgezogen und darin erhob sich eine groe Puppe; etwas alt war sie schon und am Halse gekittet. Sie guckte heraus und sagte: "Wollen wir nun Menschen spielen? Das ist doch immer etwas!" Und dann rhrte es sich berall emsig, sogar die Bilder drehten sich an den Wnden, sie zeigten, da sie auch eine Kehrseite hatten, und dagegen war nichts zu sagen. 
Es war mitten in der Nacht. Der Mond schien zum Fenster herein und gab seinerseits freie Beleuchtung dazu. Nun sollte das Spiel beginnen, alles war eingeladen, selbst der Kinderwagen, der doch zu dem grberen Spielzeug gehrte. 
"Jedes Ding hat sein Gutes" sagte er. "Es kann nicht jeder von Adel sein. Einer mu ja immer die Arbeit tun."
Die Sparbchse war die einzige, die eine schriftliche Einladung erhielt, sie war zu hochstehend, als da man htte annehmen knnen, sie wrde auch einer mndlichen Gehr schenken. Sie gab auch keine Antwort, denn sie kam nicht. 
Sollte sie mithalten, so mute sie es von zuhause aus genieen knnen; danach konnten sich die anderen richten, und das taten sie. 
Das kleine Puppentheater wurde sogleich aufgebaut, und zwar so, da sie gerade hineinsehen konnte; sie wollten mit einer Komdie beginnen und dann sollte es Tee geben und Gedankenspiele gespielt werden. Damit fing man sogleich an. Das Schaukelpferd sprach von Training und Vollblut, der Kinderwagen von Eisenbahnen und Dampfkraft, immer war es etwas, was in ihr Fach gehrte und worber sie zu sprechen verstanden. Die Stubenuhr sprach von Politik - tik-tik. Sie wute, was die Glocke geschlagen hatte, aber man sagte von ihr, da sie falsch ginge. Das spanische Rohr stand da und war stolz auf seine Spitze und seinen silbernen Knopf, er war oben und unten beschlagen; im Sofa lagen zwei gestickte Kissen, sie waren hbsch und dumm - nun konnte die Komdie beginnen. 
Alle saen und schauten zu, dann wurde hflich ersucht zu klatschen, zu knallen oder zu poltern, ganz wie man eben aufgelegt sei durch das Spiel. Aber die Reitpeitsche sagte, da sie niemals fr ltere Leute, sondern nur fr die Unverlobten knalle. "Ich knalle fr jeden" sagte die Knallerbse. "Einen Standpunkt mu man ja haben" sagte der Spucknapf. Das waren so die Gedanken, die ihnen bei dem Komdienspiel kamen. Das Stck taugte nichts, aber es wurde gut gegeben; alle Spielenden wandten die bemalte Seite nach auen. Sie waren nur dazu da, um von der einen Seite gesehen zu werden, aber nicht von der Rckseite. 
Alle spielten ausgezeichnet und ganz im Vordergrunde des Theaters, sie hingen zwar an zu langen Drhten, aber dadurch wurden sie nur umso bemerkbarer. Die gekittete Puppe war so hingerissen, da der Kitt sich lste, und die Sparbchse war auf ihre Art so gerhrt, da sie beschlo, fr einen der Schauspieler etwas zu tun, und zwar wollte sie in ihrem Testament bestimmen, da er mit ihr im offenen Grab liegen solle, wenn die Zeit einst da sei. 
Das war wirklich ein solcher Genu, da man vom Teetrinken absah und bei den Gedankenspielen blieb, was man "Menschen spielen" nannte. Darin war keine Bosheit, denn sie spielten nur - und jeder dachte an sich und an die merkwrdigen Gedanken, die die Sparbchse zuweilen hatte. Die Sparbchse besa am meisten Weitblick, sie dachte ja schon an Testament und Begrbnis - und wann geschah das wohl? - Immer, bevor man es erwartet. - Knack, da fiel sie vom Schranke - lag auf dem Fuboden in tausend Scherben, whrend die Schillinge tanzten und sprangen; die kleinsten drehten sich um sich selbst, die groen rollten, besonders der eine Silbertaler wollte durchaus in die Welt hinaus. Und das kam er auch und alle die anderen mit; die Scherben der Sparbchse wanderten in den Kehricht. Doch am nchsten Tage schon stand auf dem Schranke eine neue Sparbchse aus Ton. Noch war kein Schilling darin, daher konnte sie auch nicht klappern. Hierin glich sie der anderen, das war immer ein Anfang - und damit sind wir auch am Ende. 

