






Hans Christian Andersen 

Der Flaschenhals


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In der engen, krummen Strae zwischen rmlichen Husern stand ein schmales, hohes Haus aus Fachwerk, das schon berall aus den Fugen ging. Arme Leute wohnten hier, und am rmlichsten sah es in der Dachkammer aus, wo vor dem kleinen Fenster im Sonnenschein, ein altes verbeultes Vogelbauer hing, das nicht einmal ein ordentliches Trinknpfchen hatte, sondern nur einen umgekehrten Flaschenhals mit einem Pfropfen unten. So lie er sich mit Wasser fllen. Ein altes Mdchen stand an dem offenen Fenster, sie hatte eben den Kfig mit Vogelmiere geschmckt, in dem ein kleiner Hnfling von Stange zu Stange hpfte und sang, da es schallte.
"Ja, Du hast gut singen!" sagte der Flaschenhals. Freilich sagte er es nicht so, wie wir es sagen knnen, denn ein Flaschenhals kann ja nicht sprechen, aber er dachte es in der Art bei sich, wie wir Menschen auch mit uns selbst sprechen. "Ja, Du hast gut singen, Du hast Deine ganzen Glieder. Du solltest einmal in meiner Lage sein, Deinen Unterleib verlieren und nur noch Hals und Mund brig behalten, noch dazu mit einem Pfropfen darin, dann wrdest Du nicht singen. Aber es ist doch gut, da wenigstens einer vergngt ist. Ich habe keinen Grund zum Singen, und ich kann es auch nicht. Damals, als ich noch eine ganze Flasche war, konnte ich es, wenn man einen Pfropfen gegen mich rieb. Damals wurde ich die wahre Lerche, die groe Lerche genannt! - Und dann damals, als ich mit der Krschnersfamilie im Walde war, und die Tochter sich verlobte - ja, daran erinnere ich mich, als wre es gestern gewesen! Ich habe doch viel erlebt, wenn ich es berdenke! Ich bin durch Feuer und durch Wasser gegangen, unten in der schwarzen Erde bin ich gewesen, und weiter in die Hhe hinauf gekommen als die Meisten, und nun schwebe ich drauen vor dem Vogelbauer in Luft und Sonnenschein. Es wre wohl der Mhe wert, meine Geschichte zu hren, aber ich spreche nicht laut darber, denn das kann ich nicht."
Und so erzhlte sie sich, oder vielmehr, dachte sie sich ihre Geschichte, die merkwrdig genug war. Und der kleine Vogel sang lustig sein Liedchen, und unten auf der Strae fuhr man und ging man, jeder dachte an sich oder an berhaupt gar nichts, aber das tat der Flaschenhals.
Er dachte zurck an den flammenden Schmelzofen in der Fabrik, wo er ins Leben geblasen wurde. Er erinnerte sich noch, da er ganz warm gewesen war und, als er in den glhenden Ofen hineingeschaut hatte, die grte Lust versprt hatte, gerade wieder hineinzuspringen, sich aber spter nach und nach, je nach dem Grade seiner Abkhlung, recht wohl befunden hatte, wo er war. Er stand in Reih und Glied in einem ganzen Regiment von Brdern und Schwestern, alle aus demselben Ofen, aber einige waren zu Champagnerflaschen geblasen worden, andere zu Bierflaschen, und das ist ein Unterschied. Spter in der Welt drauen kann freilich eine Bierflasche den kstlichsten Lacrimae Christi in dich fassen und eine Champagnerflasche mit Wichse gefllt sein, aber wozu man geboren ist, kann man doch am ueren erkennen; Adel bleibt Adel, selbst mit Wichse im Leibe.
Bald wurden alle Flaschen eingepackt und unsere Flasche mit. Damals dachte sie noch nicht daran, da sie einst als Flaschenhals enden wrde, um sich nach und nach zu einem Vogelnpfchen herauf zu dienen, was doch immerhin ein ehrlicher Beruf ist; man ist doch etwas. Sie sah erst das Tageslicht wieder, als sie mit anderen Kameraden im Keller eines Weinhndlers ausgepackt und das erste Mal gesplt wurde; das war ein wunderliches Gefhl. Da lag sie nun leer und ohne Pfropfen und fhlte sich so merkwrdig flau. Es fehlte ihr etwas, aber sie wute selbst nicht, was es war. Nun wurde sie mit einem guten, herrlichen Wein gefllt; sie bekam einen Pfropfen, wurde mit Lack geschlossen und bekam die Aufschrift: "Prima Sorte", das war gerade, als habe sie beim Examen die beste Nummer erhalten. Aber der Wein war gut, und die Flasche war auch gut. Ist man jung, so ist man Lyriker, es sang und klang in ihr von Dingen, die ihr ganz unbekannt waren, von grnen, sonnigen Bergen, wo der Wein wchst und muntere Mdchen und frhliche Burschen singen und sich kssen. Ja, es ist herrlich, zu leben! Von alledem sang und klang es in der Flasche wie in jungen Dichtern, die oft auch nichts von dem wissen, was sie besingen.
Eines Morgens wurde sie gekauft. Der Laufbursche des Krschners sollte eine Flasche Wein vom besten bringen, und so kam sie in den Ekorb zu Schinken. Kse und Wurst; dort gab es die herrlichste Butter, das feinste Brot. Die Krschnerstochter selbst packte sie ein, sie war so jung, so schn; die braunen Augen lachten, ein Lcheln lag um ihren Mund, das ebenso sprechend war wie die Augen. Sie hatte feine weiche Hnde; so wei waren sie, doch Hals und Brust waren weier noch, man konnte sogleich sehen, da sie eins der hbschesten Mdchen in der Stadt war, und doch war sie noch nicht verlobt.
Der Ekorb stand auf ihrem Scho, als die Familie in den Wald hinaus fuhr. Der Flaschenhals lugte unter den Zipfeln des weien Tuches hervor. Der Pfropfen war mit rotem Lack verziert und sie schaute gerade in des jungen Mdchens Antlitz; sie sah auch den jungen Steuermann an, der an des Mdchens Seite sa. Er war ihr Jugendfreund, der Sohn eines Portrtmalers. Vor kurzem hatte er seine Steuermannsprfung mit Ehren bestanden und sollte morgen mit seinem Schiffe fort nach fremden Lndern fahren; hiervon war schon whrend des Einpackens viel die Rede gewesen, und whrend davon gesprochen wurde, war just nicht viel Vergngen in den Augen und um den Mund der schnen Krschnerstochter zu sehen gewesen.
Die beiden jungen Leute gingen in den grnen Wald und sprachen zusammen - wovon sprachen sie wohl? Ja, das hrte die Flasche nicht, sie stand noch immer im Ekorb. Es dauerte merkwrdig lange, bis sie hervorgeholt wurde. Als es jedoch nun geschah, hatten sich auch erfreuliche Dinge ereignet. Aller Augen lachten und auch die Krschnerstochter lachte, aber sie sprach weniger als zuvor, und ihre Wangen glhten wie zwei rote Rosen.
Der Vater nahm die gefllte Flasche und den Korkenzieher. - Ja, es ist ein wunderliches Gefhl, so zum ersten Male geffnet zu werden. Der Flaschenhals konnte seitdem niemals mehr diesen feierlichen Augenblick vergessen; es hatte ordentlich "Schwupp" in ihm gesagt, als der Pfropfen herausging, und dann gluckte es, als der Wein hinaus in die Glser strmte.
"Den Verlobten zum Wohle" sagte der Vater; jedes Glas wurde bis zur Neige geleert und der Steuermann kte seine schne Braut.
"Glck und Segen!" sagten die beiden Alten, und der junge Mann fllte die Glser noch einmal: "Auf Heimkehr und Hochzeit heut bers Jahr" rief er, und als die Glser geleert waren, ergriff er die Flasche, hob sie hoch empor und sagte: "Du bist am schnsten Tage meines Lebens mit dabei gewesen, weiter sollst Du keinem dienen!"
Dabei warf er sie hoch empor. Damals dachte die Krschnerstochter nicht daran, da sie sie wiedersehen sollte, aber sie sollte es. Die Flasche fiel in das dichte Schilf an dem kleinen Waldsee. Der Flaschenhals erinnerte sich so lebhaft daran, als sei es heute geschehen, wie er dort im Schilfe gelegen und nachgedacht hatte: "Ich gab ihnen Wein und sie geben mir Sumpfwasser, aber es war gutgemeint!" Er konnte die Verlobten und die frhlichen Alten nicht mehr sehen, aber noch lange hrte er sie jubilieren und singen. Dann kamen zwei kleine Bauernjungen, guckten zwischen das Schilf, erblickten die Flasche und nahmen sie mit; nun war sie versorgt.
Daheim in dem Waldhuschen, wo sie wohnten, war gestern ihr ltester Bruder, der Seemann, gewesen und hatte Lebewohl gesagt, da er auf eine grere Reise gehen sollte. Die Mutter stand nun und packte noch ein und das andere ein, womit der Vater am Abend in die Stadt gehen sollte, um den Sohn noch einmal vor der Abreise zu sehen und ihm seinen und der Mutter Gru zu bringen. Eine kleine Flasche mit Kruterbranntwein war in das Pckchen gelegt worden, doch nun kamen die Knaben mit der greren Flasche, die sie gefunden hatten. Dorthinein ging mehr als in die kleine, und auerdem war es doch ein so guter Schnaps gegen verdorbenen Magen; er war auf hypericum abgezogen. Es war kein roter Wein, wie zuvor, den die Flasche nun bekam, sie bekam gar bittere Tropfen, aber die sind auch gut - fr den Magen. Die neue Flasche sollte mit, nicht die kleine - so kam die Flasche wieder auf die Wanderschaft, und sie kam an Bord zu Peter Jensen; das war gerade das gleiche Schiff, auf dem auch der junge Steuermann war. Aber er sah die Flasche nicht, er htte sie wohl auch nicht wiedererkannt oder daran gedacht, da es dieselbe sein knne, woraus er auf Verlobung und Heimkehr getrunken hatte.
Freilich war kein Wein mehr darin, aber etwas ebenso Gutes. Sie wurde auch jedesmal, wenn Peter Jensen sie hervorholte, "Der Apotheker" genannt. Aus ihr schenkte man die gute Medizin, die dem Magen half, und sie half solange, wie noch ein Tropfen darin war. Das war eine frhliche Zeit, und die Flasche sang, wenn man sie mit dem Pfropfen rieb; damals bekam sie auch den Namen der wahren Lerche, "Peter Jensens Lerche."
Lange Zeit war vergangen, sie stand leer in einer Ecke, da geschah es - ob es auf der Hinreise oder Rckreise war, wute die Flasche nicht so genau, denn sie war nicht mit an Land gewesen - da erhob sich ein Sturm; hohe Seen, schwarz und schwer, wlzten sich heran, sie hoben das Fahrzeug mit sich empor und schleuderten es wieder hinab. Eine Sturzsee schlug eine Planke ein, die Pumpen konnten nichts mehr ausrichten; es war stockfinstere Nacht und das Schiff sank Aber in der letzten Minute schrieb der junge Steuermann auf ein Blatt: "In Jesu Namen. Wir sinken!' Er schrieb den Namen seiner Braut, den seinen und den des Schiffes darauf, steckte den Zettel in eine leere Flasche, die da stand, drckte den Pfropfen fest hinein und warf die Flasche hinaus in das strmende Meer.
Er wute nicht, da es die Flasche war, woraus einst der Hoffnung und der Freude Wohl getrunken worden war fr ihn und fr sie; nun schaukelte sie auf den Wellen mit einem Gru und einer Todesbotschaft.
Das Schiff sank, die Mannschaft sank aber die Flasche flog wie ein Vogel, sie hatte ja ein Herz, einen Liebesbrief in sich. Und die Sonne ging auf und sie ging unter; es war fr die Flasche fast ebenso anzusehen, wie der rote, glhende Ofen ihrer Jugend, und sie hatte Sehnsucht, wieder hineinzufliegen. Sie trieb in Windstille und neuen Strmen dahin, doch stie sie an keine Felsenklippe, kein Hai verschluckte sie; lnger als Jahr und Tag trieb sie umher, bald nach Nord, bald nach Sd, wie die Strmung sie fhrte. Im brigen war sie ihr eigener Herr, aber auch dessen kann man berdrssig werden.
Das beschriebene Blatt, das letzte Lebewohl des Brutigams an die Braut, sollte nur Trauer bringen, wenn es dereinst in die rechten Hnde geriet. Aber wo waren die Hnde, die so wei geleuchtet hatten, als sie das Tuch in das frische Gras im grnen Walde ausgebreitet hatten am Verlobungstage? Wo war des Krschners Tochter? Ja, wo war das Land, und welches Land war wohl das nchste? Die Flasche wute es nicht; sie trieb und trieb und wurde schlielich des Treibens mde; es war ja nicht ihre Bestimmung, aber sie trieb trotzdem, bis sie endlich Land erreichte, ein fremdes Land. Sie verstand nicht ein Wort von dem, was gesprochen wurde, es war nicht die Sprache, die sie zuvor hatte sprechen hren; ja, es geht viel verloren, wenn man die Sprache nicht beherrscht.
Die Flasche wurde aufgehoben und betrachtet. Der Zettel darin wurde gesehen, herausgenommen und nach allen Seiten gedreht und gewendet, aber man verstand nicht, was darauf geschrieben stand. Sie begriffen wohl, da die Flasche aus irgendeinem Grunde ber Bord geworfen war und dieser Grund auf dem Papier geschrieben stand, aber was dort stand, war unbegreiflich - und der Zettel wurde wieder in die Flasche gesteckt, und diese kam in einen groen Schrank in einer groen Stube in einem groen Hause.
Jedesmal, wenn Besuch kam, wurde der Zettel hervorgeholt und gedreht und gewendet, so da die Worte darauf, die nur mit Bleistift geschrieben waren, mehr und mehr unleserlich wurden. Zuletzt konnte niemand mehr erkennen, da Buchstaben darauf waren. Die Flasche stand noch ein Jahr lang im Sehranke, dann kam sie auf den Boden und wurde von Staub und Spinnweben bedeckt. Da dachte sie an die besseren Tage zurck, wo sie roten Wein im frischen Walde einschenkte und auf den Wogen schaukelte und ein Geheimnis zu tragen hatte, einen Brief einen Abschiedsseufzer.
Und nun stand sie wohl zwanzig Jahre auf dem Boden; sie htte noch lnger dort stehen knnen, wre das Haus nicht umgebaut worden. Das Dach wurde abgerissen, und die Flasche gefunden und besprochen, aber sie verstand die Sprache nicht. Die lernt man nicht vom auf dem Boden stehen, selbst in zwanzig Jahren nicht. "Wre ich unten in der Stube geblieben," sagte sie ganz richtig, "dann htte ich sie wohl gelernt."
Sie wurde nun gewaschen und gesplt und das hatte sie auch ntig; sie fhlte sich ganz klar und durchsichtig, sie wurde wieder jung in ihren alten Jahren; aber der Zettel, den sie in sich trug, war bei der Wsche verloren gegangen.
Die Flasche wurde nun mit Samenkrnern gefllt, von welcher Art, wute sie nicht; sie wurde zugekorkt und gut eingewickelt und sah weder Licht noch Laterne, geschweige denn Sonne oder Mond, und etwas msse man doch sehen, wenn man auf Reisen ginge, meinte die Flasche; aber sie sah nichts. Doch das Wichtigste tat sie - sie reiste und kam dorthin, wohin sie sollte; dort wurde sie ausgepackt.
"Was sie sich dort im Auslande fr Umstnde mit ihr gemacht haben" wurde gesagt, "und doch wird sie wohl gesprungen sein." Aber sie war nicht gesprungen. Die Flasche verstand jedes einzige Wort, das gesagt wurde; es war die Sprache, die sie am Schmelzofen und beim Weinhndler, im Walde und auf dem Schiffe vernommen hatte, die einzig richtige, gute alte Sprache, die man verstehen konnte. Sie war wieder in ihr Heimatland zurckgekommen, sie bekam ihren Willkommensgru. Vor Freude wre sie ihnen fast aus den Hnden gesprungen; sie merkte es kaum, wie der Korken herausgezogen, sie ausgeschttet und in den Keller gesetzt wurde, um weggestellt und vergessen zu werden. In der Heimat ist es doch am besten, selbst im Keller. Es kam ihr nie in den Sinn, darber nachzudenken, wie lange sie dort lag, sie lag gut und lag jahrelang. Da kamen eines Tages Leute in den Keller herunter und holten mit den Flaschen auch sie herauf.
Drauen im Garten herrschten Pracht und Herrlichkeit. Brennende Lampen hingen an Girlanden. Papierlaternen strahlten wie transparente Tulpen; es war ein herrlicher Abend. Das Wetter war stille und klar, die Sterne blinkten hell und der Neumond stand am Himmel, eigentlich sah man den ganzen runden Mond wie eine blaugraue Kugel mit goldenem Rande und es sah gut aus fr gute Augen.
Die Nebengnge waren auch illuminiert, wenigstens so hell, da man darin vorwrtskommen konnte. Zwischen den Hecken waren Flaschen mit Lichtern aufgestellt. Dort stand auch die Flasche, die wir kennen und die dereinst als Flaschenhals enden sollte, als Vogelnapf. Sie fand in diesem Augenblicke alles unaussprechlich schn, sie war wieder im Grnen, nahm wieder teil an Freud und Fest, vernahm Gesang und Musik. das Geschwirr und Gesumm vieler Menschen, besonders von der Seite des Gartens, wo die Lampen brannten und die Papierlaternen ihre Farbenpracht zeigten. Sie selbst stand wohl abseits in einem Gang, aber just das regte sie zum Nachdenken an. Da stand nun die Flasche und trug ihr Licht, stand hier zum Nutzen und zur Freude, und das ist das Richtige: in solch einer Stunde vergit man die zwanzig Jahre auf dem Boden, und es ist gut, das zu vergessen.
Dicht an ihr vorbei ging ein einzelnes Paar Arm in Arm wie das Brautpaar damals im Walde, der Steuermann und die Krschnerstochter. Es war fr die Flasche, als erlebe sie es noch einmal. Im Garten gingen Gste und Leute, die diese und all die Pracht anschauen durften; unter diesen war auch ein altes Mdchen, die keine Verwandten mehr, wohl aber Freunde besa. Sie dachte ganz an dieselben Dinge wie die Flasche, an den grnen Wald und ein junges Brautpaar, das sie recht nahe anging, war sie doch selbst der eine Teil desselben. Das war ihre glcklichste Stunde gewesen, und die vergit sich nie, auch wenn man eine noch so alte Jungfer wird. Aber sie erkannte die Flasche nicht, und diese erkannte sie nicht, so geht man aneinander vorber in der Welt - bis man sich wieder begegnet, und das taten die beiden, in der Stadt waren sie ja zusammengekommen.
Die Flasche kam aus dem Garten zum Weinhndler, wurde wieder mit Wein gefllt und an den Luftschiffer verkauft, der am nchsten Sonntag mit dem Ballon aufsteigen sollte. Das war ein Gewimmel von Menschen, die alle zuschauen wollten; Regimentsmusik erschallte und Vorbereitungen wurden getroffen. Die Flasche sah alles von einem Korbe aus, worin sie zusammen mit einem lebendigen Kaninchen lag; das war ganz verzagt, weil es wute, da es mit aufsteigen sollte, um dann mit einem Fallschirm hinabgelassen zu werden; die Flasche wute weder etwas von herauf noch herunter, sie sah, da der Ballon dicker und immer dicker aufschwoll und, als er nicht mehr grer werden konnte, sich emporzuheben begann, hher und hher; immer unruhiger wurde er, da durchschnitt man die Taue, die ihn hielten, und er schwebte mit dem Luftschiffer, dem Korbe, der Flasche und dem Kaninchen himmelwrts; die Musik setzte wieder ein und alle Menschen riefen: Hurra!
"Es ist doch ein merkwrdig Ding, so in die Luft zu gehen," dachte die Flasche, "das ist eine neue Art zu segeln; da oben kann man doch nicht laufen!"
Viele tausend Menschen sahen dem Ballon nach, und die alte Jungfer sah ihm auch nach; sie stand an ihrem offenen Dachkammerfenster, vor dem das Vogelbauer mit dem kleinen Hnfling hing, der damals noch kein Wasserglas hatte, sondern sich mit einer Tasse begngen mute. Im Fenster stand ein Myrtenstock, der ein wenig beiseite gerckt worden war, um nicht hinuntergestoen zu werden, whrend das alte Mdchen sich vorbeugte, um hinauszusehen. Sie sah deutlich den Luftschiffer im Ballon, der das Kaninchen mit dem Fallschirm hinablie, dann auf aller Menschen Wohl trank und die Flasche hoch in die Luft hinaus warf. Sie dachte nicht daran, da sie just dieselbe Flasche schon einmal hatte so fliegen sehen, und zwar vor ihr und ihrem Freund an dem Freudentage drauen im grnen Walde in ihrer Jugendzeit.
Die Flasche hatte gar keine Zeit zum Denken brig, so pltzlich, so unerwartet gelangte sie auf den Hhepunkt ihres Lebens, Trme und Dcher lagen tief unten, die Menschen waren nur wie kleine Pnktchen zu sehen.
Nun sank sie, und zwar mit einer anderen Geschwindigkeit als das Kaninchen; die Flasche scho Purzelbume in der Luft, sie fhlte sich so jung, so ausgelassen, sie war noch halbberauscht vom Weine in ihr, aber nicht lange. Welch eine Reise. Die Sonne schien auf die Flasche nieder, alle Menschen sahen ihrem Fluge nach, der Ballon war schon weit weg, und bald war auch die Flasche weg. Sie fiel auf eins der Dcher und dann war sie entzwei. Aber die Scherben waren noch so vom Fluge benommen, da sie nicht liegen bleiben konnten, sie sprangen-und rollten, bis sie den Hof erreichten, um dort in noch kleinere Stcke zu zerspringen. Nur der Flaschenhals hielt; er sah aus wie von einem Diamanten abgeschnitten.
"Der knnte gut als Wassernpfchen fr einen Vogel verwendet werden!" sagte der Krmer im Keller, aber er selbst hatte weder einen Vogel noch ein Bauer, und es wre wohl etwas zu weit gegriffen, sich diese anzuschaffen, weil er nun einen Flaschenhals hatte, der als Wassernpfchen verwendet werden knnte. Aber die alte Jungfer in der Dachkammer konnte ihn gebrauchen; und so kam der Flaschenhals zu ihr hinauf, bekam einen Pfropfen zu schlucken, und was er frher nach oben gekehrt hatte, kam nun nach unten, wie es gar oft bei Vernderungen zu geschehen pflegt, er bekam frisches Wasser und wurde vor das Bauer zu dem kleinen Vogel gehngt, der so herzhaft sang, da es schallte.
"Ja, Du hast gut singen!" Das war es, was der Flaschenhals sagte, und der war ja etwas Besonderes, weil er in einem Luftballon gewesen war. - Mehr wute man nicht von seiner Geschichte. Nun hing er da als Vogelnpfchen, konnte die Leute auf der Strae lrmen und sich tummeln hren und konnte das Gesprch der alten Jungfer drinnen in der Kammer mitanhren. Es war eben Besuch gekommen, eine gleichaltrige Freundin, und sie sprachen zusammen, nicht von dem Flaschenhals, sondern von dem Myrtenbaum am Fenster.
"Du solltest wahrhaftig nicht zwei Reichstaler wegwerfen fr einen Brautkranz fr Deine Tochter." sagte die alte Jungfer. "Du sollst von mir einen haben, und zwar einen hbschen ganz voller Blten. Siehst Du, wie herrlich das Bumchen steht? Ja, das ist ein Ableger von der Myrte, die Du mir am Tage nach meiner Verlobung gegeben hast, von dem Stock, von dem ich mir meinen Brautkranz schneiden sollte, wenn das Jahr um war. Aber der Tag kam nicht. Die Augen haben sich geschlossen, die mir zu Glck und Segen in diesem Leben leuchten sollten. Auf dem Meeresgrund schlft er s, die Engelsseele. - Das Bumchen wurde ein alter Baum, aber ich wurde noch lter, und als der Baum verdorrte, nahm ich den letzten frischen Zweig und setzte ihn in die Erde, und dieses Zweiglein ist nun ein groer Baum geworden und kommt nun doch endlich zu seinem Hochzeitsstaat, wird Deiner Tochter Brautkranz!"
Es standen Trnen In des alten Mdchens Augen; sie sprach von dem Freund ihrer Jugend, von der Verlobung im Walde; sie dachte an das Wohl, das damals ausgebracht wurde, dachte an den ersten Ku, - aber das sagte sie nicht - war sie doch eine alte Jungfer. An so vieles dachte sie, aber daran dachte sie nicht, da vor ihrem Fenster noch ein Andenken aus jener Zeit hing: der Hals jener Flasche, die damals "Schwupp" sagte, als der Pfropfen knallte. Aber der Flaschenhals erkannte sie auch nicht, denn er hrte nicht darauf, was sie erzhlte, er dachte nur an sich.

