Christoph Martin Wieland
Das Hexameron von Rosenhain
Vorbericht eines Ungenannten
Narcissus und Narcissa
Daphnidion
Die Entzauberung
Die Novelle ohne Titel
Freundschaft und Liebe auf der Probe
Die Liebe ohne Leidenschaft
Vorbericht eines Ungenannten
Das Zusammentreffen verschiedener zufälliger Umstände brachte in verwichenem Sommer eine auserlesene Gesellschaft liebenswürdiger und gebildeter Personen beiderlei Geschlechtes auf dem Landsitz des Herrn v. P. im *** zusammen.
Einige von ihnen hatten sich schon zuvor gekannt, andere sahen sich zum ersten Male; man wollte ältere Verhältnisse enger zusammenziehen, auch mocht es (wiewohl noch mit dem Finger auf dem Munde) darauf abgesehen sein, neue anzuknüpfen, da unter den Anwesenden einige junge Leute waren, über deren bisher noch freie Herzen Amor und Hymen, jeder mit Vorbehalt seiner besondern Rechte, sich in Güte zu vergleichen nicht ungeneigt schienen.
Daß wir die Leser oder Leserinnen, denen diese Handschrift in die Hände fallen könnte, mit ausführlichen topographischen, malerischen und poetischen Beschreibungen des Schlosses, der Gärten, des Parks und der übrigen Umgebungen von Rosenhain verschonen, werden sie hoffentlich mit gehörigem Dank erkennen, wiewohl es einem Schriftsteller von Profession vielleicht übel ausgedeutet werden möchte. Wir setzen dadurch ihre Einbildungskraft in volle Freiheit, sich das alles so prächtig und reich oder so lieblich und romantisch, in griechischem oder gotischem, mohrischem oder sinesischem, in ihrem eigenen oder in gar keinem Geschmack vorzustellen und auszumalen, wie es ihnen nur immer am gefälligsten sein mag. Man hat sich an dergleichen Beschreibungen so satt gelesen, daß die Neuheit selbst (wenn anders nach Mrs. Radcliffe und nach Jean Paul noch etwas Neues in dieser Art möglich ist) kaum vermögend wäre, einige Aufmerksamkeit zu erregen. Überhaupt dürfte den meisten Erzählern zu raten sein, in diesem und ähnlichen Fällen ihren Lesern lieber zuviel als zuwenig Einbildungskraft zuzutrauen.
Eine vermischte, ziemlich zahlreiche Gesellschaft, welche mehrere Wochen auf dem Lande beisammen lebt, hat, außer den ...
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