RAABE WILHELM
Wilhelm Raabe (1831 - 1910)
Humanist mit unbestechlichem Blick für Heuchelei und soziales Elend.
Der am 8. September 1831 in Eschershausen bei Holzminden geborene Sohn eines Justitiars machte in Magdeburg eine Buchhändlerlehre, ging 1854 nach Berlin, um philosophische und historische Vorlesungen zu hören, und lebte dann als freier Schriftsteller in Wolfenbüttel (1856-62), Stuttgart und Braunschweig (seit 1870).
In seinen Romanen und zahlreichen Erzählungen setzte sich Raabe vor allem mit zwei Problemen auseinander. Bei dem einen geht es darum, wie der einzelne in einer korrupten Gesellschaft moralisch leben kann; dabei entwirft er oft kauzige Einzelgängerfiguren und mildert seine Kritik durch Humor.
Das andere Thema ist der Kampf des Bürgertums um seine Freiheit, der oft in Begebenheiten aus vergangenen Zeiten dargestellt wird. Während seiner Berliner Zeit wohnte Raabe in der Spreegasse. In seinem ersten Roman, Die Chronik der Sperlingsgasse (1857), schildert er das Leben, das sich dort abspielt: "Sie ist bevölkert und lebendig genug, einen mit nervösem Kopfweh behafteten wahnsinnig zu machen und ihn im Irrenhaus enden zu lassen, mir aber ist sie seit vielen Jahren eine unschätzbare Bühne des Weltlebens, wo Krieg und Friede, Elend und Glück, Hunger und Überfluß, alle Antinomien des Daseins sich widerspiegeln".
Der schmerzliche Pessimismus und die damit verbundene Kulturkritik in Raabes frühen Werken weichen in der Altersdichtung einem versöhnenden Humor. Erst spät hat Raabe, der am 15. November 1910 in Braunschweig starb, die gebührende Anerkennung gefunden. Er gilt heute als Erzähler des "poetischen Realismus" von hohem Rang.
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